Schädlingsfreie Lyrik

Die hessische Kälte von gestern scheint dem Fiat nicht bekommen zu sein. Heute morgen wollte er mir partout nicht zu Willen sein und mich wie gewohnt zu Arbeit bringen. Nach mehreren vergeblichen Startversuchen gab ich schließlich auf und rannte genervt zur Straßenbahn. In meinem Ohr hörte ich dabei eine leise Stimme, die mir zuflüsterte „Springt das Auto mal nicht an, nimm doch Busse oder Bahn!“ Die verdammte Stimme dieses kleinen, bärtigen Gärtners. Die Stimme, die ich nicht mehr los werde, seit ich mich neulich leichtsinnigerweise in den „Gärtner Pötschke“-Katalog vertieft hatte.
Seitdem fällt mir zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sogleich ein büttenredenkompatibler Schüttelreim ein. Ja, ja – ich weiß. Ich schäme mich auch zutiefst. Ehrlich… Aber ich komme trotz guten Willens und diverser Ablenkungsstrategien nicht von diesem freundlichen Blumenmann mit seinen Weisheiten los.
„Wenn’s im Garten keimen soll:
Nimm Pötschke-Saat, denn die keimt voll.“

Einfach klasse! Klingt zwar alles ein wenig verseucht wegen der vielen „Keime“, aber wenn der Kram wirklich „voll keimt“… Sagenhaft! Was dabei raus kommt, sind allerdings ab und an monströse Kohlrabi („Superschmelz“), kindskopfgroße Tomaten („Beefsteaktomate Lady Brandywine“) und kunterbunte Möhren („Harlekin Mischung“), die schon ein wenig an Reaktorunfälle erinnern… Pötschke dazu ganz beruhigend:
„Zwiebeln zwei, drei Kilo schwer,
sind heute gar nicht selten mehr.“

Okeeeee… Wenn er meint…  Lassen wir das mit den essbaren Sachen lieber erstmal beiseite und widmen uns der farbenfrohen Blumenpracht, die sich im weiteren Verlauf des Katalogs vor dem Auge des Lesers ausbreitet.  Gleich den dritten Blumenspruch kann ich dem Herrn Gärtner jedoch nicht so ganz abnehmen:
„Für die Schönheit mancher Sorte
fehlen mir ganz glatt die Worte.“

zumal er Sekunden später bereits wieder ‚ganz glatt‘ den nächsten fröhlich-motivierenden Zweizeiler parat hat:
„Sie wachsen wie die Feuerwehr
und ihre Anzucht ist nicht schwer.“

Na prima! Ein paar Seiten weiter liegt er verträumt im Gras und fragt:
„Hast du schon mal so dagelegen
der schönen Sommerblumen wegen?“

Ja, habe ich, Pötschke. Und das bereits mehrfach. Und nicht nur im Sommer. Und ich habe dabei auch keinen Gedanken an die „Schneckenfestigkeit“ von Löwenmäulchen verschwendet. Kurz darauf wird der gute Mann etwas förmlich. Auf Seite 142 waren wir uns eigentlich bereits so nahe, dass er mich geduzt hat. Ist ja auch kein Problem. Er ist der Ältere und wenn er mag… Ich frage mich nur, was ich zwischen Seite 142 und Seite 191 getan habe, um ihn so zu verärgern, dass er wieder förmlich wird:
„Wenn Sie prächt’ge Blüten wollen,
pflanzen Sie solch tolle Knollen!“

Kein Problem. Ich bin ja bereit zu pflanzen. Nicht gleich patzig werden, Gärtnerchen! Gegen Katalogende verrät er dann endlich, was mich schon die ganze Zeit über beschäftigt:
„Dichterei und Schreiberei
klappen im Garten einwandfrei.“

Das ist es also – das Geheimnis des kleinen Gemüsezüchters. Ganz große Literatur aus dem Blumenbeet. Lyrik zwischen Säulenkirschen und ‚Exit, dem professionellen Maulwurfjäger‘.
Fazit der Lektüre: Vielleicht doch lieber gleich alles pflastern?

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