„Der Nächste, bitte!“

Die Erkältung ist nicht einfach so wieder verschwunden wie geplant. Und ich hielt es irgendwann vor Kopfschmerzen auch nicht mehr im Büro aus und fuhr zum Arzt. Ohne Termin freitags mittags wurde ich erstmal ins überfüllte, vor Erkältungsviren überquellende Wartezimmer gestopft. Zu allem Überfluss steckte mir die ganze Zeit über dieser blöde Dolch zwischen den Augen und es fühlte sich an, als ob irgendwer ihn immer mal wieder genüsslich umdrehte.
Zudem wurde ich ungewollt Zeugin einiger extrem sinnentleerter Diskussionen über die Nachbarschaft. „Ich seh‘ immer mal Ihren Mann am Fenster…“ – „Vom Fenster aus sieht man Frau Sowieso jeden Tag zum Metzger gehen“„Ich war gerade beim Augenarzt und als ich Licht gesehen habe, dachte ich, ich komme hier auch mal vorbei“ usw. usf. Dann kam es zu Diskussionen, wer denn nun einen Termin habe, wann dieser gewesen sei und ob nicht am Ende irgendwer bevorzugt werde. Meine Güte! Dass es diese Rentner aber auch immer so eilig haben! Erst machen sie Arztbesuche zu einer Art Haupt-Hobby (kurz vor den annähernd gleich beliebten Entertainmentvarianten Am-Fenster-sitzen-und-Leute-beobachten und Montags-und-donnerstags-morgens-mit-Großeinkäufen-Aldi-Kassen-blockieren) und dann können sie es nicht mal richtig genießen und wollen gleich wieder weg.
Und als dann auch noch die Praxis-EDV versagte, war das Chaos komplett. Meine Akte konnte auch erst nach längerer Suche in irgendeiner vergammelten Ecke aufgefunden werden, da ich seit meinem letzten Arztbesuch den Nachnamen gewechselt hatte und besagter letzter Arztbesuch immerhin knapp neun Jahre her war. „Ist das jetzt ein Arztwechsel? Sie waren seit 2000 nicht mehr hier.“„Nein. Ich war nur einfach seit 2000 nicht wirklich krank.“ Ungläubiges Staunen.
Am Ende wartete ich nur noch mit einer bösartigen Nachbarin, die mir bereits von ihren Rückenproblemen, ihrer Frührente und ihrem Mann, der ebenfalls Frührenter sei, berichtet, und mir ihre Beinschiene vorgeführt hatte. Sie war allerdings mindestens eine Stunde nach mir eingetroffen, hatte jedoch einen Termin, wie sie mir nicht müde wurde zu erzählen. Ach ja, und der Mann mit dem Dolch war natürlich auch noch da. Ich konnte mich nicht entscheiden, auf wessen Gesellschaft ich lieber verzichtet hätte…
Endlich kam die Ärztin und ich dachte ‚So! Jetzt MUSS ich aber endlich dran sein!‘. Die Ärztin sah das offensichtlich ähnlich und nickte mir gerade freundlich auffordernd zu, als sich die Hexe mit der Beinschiene zwischen uns warf – sehr beweglich übrigens für jemanden mit schwersten Problemen des knöchernen Bewegungsapparates. Sie nutzte die scheinheilig aus mir herausgelockte Information, dass ich keinen Termin hatte, um sich mit einem hinterhältigen „Ich zuerst!!! Die hat gar keinen Termin!!!“ an der verdutzten Ärztin vorbei ins Behandlungszimmer zu werfen. Super! Danke!
Warum bohrte der Mann mit dem Dolch eigentlich in meiner Stirn herum? Warum nicht in ihrer? Oder von mir aus auch gleichzeitig an mehreren Stellen ihres weitläufigen Körpers? Wenigstens kurz mal?
Irgendwann kam ich dann doch noch dran. Mit einem Rezept für Schmerztabletten und einer Krankmeldung bis Dienstag stand ich kurz darauf wieder auf der Straße und marschierte Richtung Bett und Richtung Apotheke, was glücklicherweise die gleiche Richtung war. In der Apotheke wurde ich gefragt, ob ich frisch operiert sei oder Rheuma habe. „Nö. Stirnhöhlenentzündung.“ Daraufhin war die Apothekerin doch sehr erstaunt, dass man mir so starke Schmerztabletten verschrieben habe. Und gleich 50 Stück! Jetzt hab‘ ich Angst, welche davon zu nehmen und spiele vorerst mit den noch vorhandenen Paracetamols rum.
Der Dolch-Mann hat seitdem auch nur ein paar mal kurz vorbeigeschaut, um sich zu vergewissern, dass der Dolch noch steckt. Er steckt noch, guter Mann. Er steckt noch.

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