Ab jetzt geht’s aufwärts!

Umland:Landschaft 1605bDas hat man doch heute morgen schon deutlich gespürt, oder? Immerhin liegt seit ein paar Stunden die Wintersonnenwende (22.12.2010, 00:38 Uhr) hinter uns. Morgen ist der Tag dann schon wieder länger als heute. Und die Nacht kürzer. Vielleicht wandte sich mein besonderer Freund F.J. Wagner von der BILD deshalb in seiner aktuellen Kolumne an den Winter? Ich frage mich allerdings, ob der Winter das verdient hat. Ihn mit übelster Grammatik zu mißhandeln, wo er doch ohnehin bereits auf dem Rückzug ist, kann ja irgendwie auch nicht die Lösung sein. Sorry, Winter. Setzen, sechs, F.J.!

Und dabei bin ich nicht mal auf die offensichtlich völlig konfusen Inhalte eingegangen. Nennt man das noch Inhalte? Oder Nicht-Inhalte? Da mag man sich an jedem Satzzeichen kurz abstützen und übergeben. Was bedeutet „Die Bahn schnauft in den letzten Zügen, aber verspricht jedem Reisenden Heiligabend zu seinen Lieben zu bringen.“? Fehlt da nur ein Komma? Oder ein Personalpronomen und ein Komma? Will die Bahn wirklich den Heiligen Abend zu den Menschen bringen? Zu welchen? Zu den „Lieben“ des Reisenden oder zu den „Lieben“ des Heiligabends? Und muss es dann nicht „dessen“ statt „seinen“ heißen? Und wer kauft ihm die Fahrkarten, dem Heiligen Abend?

„Die Deutschen erkennen, dass die Natur das Größte ist. Sie stoppt Flugzeuge, die Bahn.“ Na, dann. Toll, Natur! Super! Und was ist dann das Zweitgrößte? Fluglotsenstreiks? Tarifverhandlungen? Man glaubt es nicht… F.J. kommt an dieser Stelle allerdings erst richtig in Fahrt: „Was wir erkennen müssen am Schnee, ist, dass der Schnee kein Herz hat. Eine Omi, die ein Schokoladenherz ihrem ­Enkel bringen will, rutscht im Schneematsch aus und bricht sich die Knochen.“ Ach, Gottchen! Mal abgesehen von der irrwitzigen Wortstellung im Omi-Nebensatz, erschüttert das natürlich wirklich tief. „Oberschenkelhals…“ schießt einem durch den Kopf. Die arme Oma! Fragt sich nur, was geschehen wäre, wenn sie es mit ihrem Schokoladenherz bis zum Enkel geschafft hätte. Hätte er zu schätzen gewusst, dass sie für das gammelige Ding ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat? Wahrscheinlich nicht. Böses Kind! Und böser, herzloser Schnee!

Ach nein! Im nächsten Satz heißt es ja: „Der Schnee ist schön, wenn wir ihn an den Fußspuren der Vögel sehen, an den eigenen Fußspuren im Schnee.“ Häh?! Schnee an den Fußspuren der Vögel? An den Füßen vielleicht. Oder vielleicht ist es auch schön, wenn wir im Schnee die Fußspuren der Vögel sehen. Aber so macht der Satz irgendwie wenig Sinn. Ist ja nicht so, dass sinnlose Sätze einen jetzt noch überraschen könnten, aber das… Und wieso ist der Schnee schön, nachdem er gerade die Omi mit ihrem Schokoherz flachgelegt und auf die Intensivstation befördert hat? Ich kann nicht mehr ganz folgen.

„Wenn ich an den Schnee denke, dann denke ich an meinen ersten Schlitten. Wie wunderbar war es, da herunterzusausen.“ Man muss es nicht ausdrücklich erwähnen: F.J. macht unbeirrt weiter. Den Schlitten herunterzusausen? Als Kind? Hieß der Hügel etwa so: „Erster Schlitten“? Oder Rosebud? Mir wird das alles zuviel. Vergessen wir F.J., vergessen wir Citizen Kane, vergessen wir die arme Oma mit ihren gesundheitlichen Problemen. „Wir Deutschen hatten ein paar Tage Angst vor dem Schnee, weil wir vergessen hatten, dass der Schnee zu unserem Leben gehört. Frühling, Sommer, Herbst und Schnee.“ ja, nun. So kann man das nach der ersten Flasche Wodka sicher sagen. Bei klarem Verstand, tendiert man allerdings eher zu: „Wir nicht ganz Schwachsinnigen hatten ein paar Zeilen lang Angst vor dem Wagner, weil wir vergessen hatten, dass der Wagner zu unserem Leben gehört. Miese Grammatik, fehlerhafte Zeichensetzung, galoppierender Wahnsinn und Wagner.“

Die einzige Frage, die nach dem Lesen dieses „Briefes“ noch offen bleibt, ist folgende: Ist F.J. Wagner eventuell ein raffiniertes Pseudonym von Martin Mosebach? Zwei Menschen mit derart mißratenem Sprachgefühl, die dabei noch derart überschätzt werden, kann es wohl kaum gleichzeitig in einer Welt geben. Hoffe ich…

Aber ab morgen wird’s ja wieder heller. Vielleicht auch in den Köpfen.

2 Kommentare

    1. „Das exakte Epizentrum lag im Stadtteil Lerchenberg westlich der City.“

      ich finde, jetzt ist es wirklich an der zeit, gottschalk zum rücktritt zu zwingen. das sollte auch herr schächter verstanden haben 😀

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