Der Mantel des Schweigens

26 - Schriftliches 1317Vermutlich ist das die Art von Plane, die die Verantwortlichen bei Tepco über die havarierten Reaktoren breiten wollen, wenn von „Spezialgewebe“ sprechen. Und vermutlich sollen darunter dann auch die seit drei Wochen übernächtigten und hungernden Mitarbeiter darunter verschwinden. Mazataka Shimizu, dem „Chef“ des Unternehmens wird es egal sein. Der hat sich ja jetzt erstmal unter diffusen Beschwerden („Bluthochdruck und Schwindelgefühle“) in eine Klinik zurückgezogen.

Bluthochdruck kann man ja schon mal bekommen, wenn man vor der Entscheidung „Harakiri oder In-Luft-auflösen“ steht, aber „Schwindelgefühle“…?! Schwindel?! Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich schier ausschütten vor Lachen.

Den vielzitierten „Mantel des Schweigens“ versuchte wohl auch ein Hesse über die Eskapaden seiner Sippschaft zu breiten: Volker Bouffier nämlich. Der hat die kriminelle Version von Tick, Trick und Track offensichtlich erstmal in Sicherheit gebracht (Frankfurter Rundschau: „Bouffier-Clan hält zusammen“). Es ist wirklich unglaublich, was da so unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemauschelt und vertuscht wird. Zumindest der Hesse braucht nun nicht mehr ungläubig die Nase über Berlusconi und italienische Verhältnisse zu rümpfen. Hier isses ja noch viel lustiger.

Wer hat denn da alles mitgemischt? Staatsanwaltschaft, Gericht, Schulamt – die Neffen hatten nichts zu fürchten. Dass man ihnen damit mafiöse Strukturen als reguläres Lebensumfeld verkauft, scheint die treusorgende Verwandschaft ja nicht weiter zu stören. Das sympathische Dreigestirn kann sich ja dann gemütlich weiter durchs Leben prügeln und mobben. Als Mutter würde ich mich schämen, meinen Söhnen nichts anderes ins Leben mitgegeben zu haben als das Gefühl, in jeder Hinsicht über Recht, Gesetz, Moral und Anstand zu stehen. Und mich sicher nicht noch stolz damit brüsten, dass meine offensichtlich soziopathischen Söhne als Amtsantrittsgeschenk für den großen Onkel in eine Partei eintreten, die sie längst abgeschoben hätte, wenn sie Jusuf, Mustafa und Ahmed hießen.

Aber schön zu lesen, dass es für bestimmte Cliquen in diesem Land etwas wie rechtsfreie Räume gibt, in denen sie sich ungehindert und auf Kosten der Allgemeinheit ausleben dürfen. Gilt im übrigen offensichtlich auch für Bundeswirtschaftsminister. Um nochmals einen Rundschau-Link zu bemühen: „Brüderle bleibt Minister – ‚Macht doch Spass'“. Spass… Soso… Das ist es also, worum es bei der Übernahme eines Ministeramts mittlerweile geht. Man konnte es bereits ahnen, als der Westerwelpe erst mit dem Guidomobil durch „blühende Landschaften“ cruiste, um schließlich auf einen Kurzbesuch im RTL2-Big-Brother-Container vorbeizuschauen. Wann bewirbt sich eigentlich der erste Politiker fürs „Dschungelcamp“? Andererseits: Brüderles Pfälzer Weinfestbesuche dürften davon auch nicht mehr weit entfernt sein…

Aber breiten wir den „Mantel des Schweigens“ darüber. Ist ja gerade en vogue. Jedenfalls deutlich schicker als Verantwortung und Mario Gomez‘ neue Frisur. Angesichts all dieses Schwachsinns frage ich mich wirklich, weshalb ich mich immer noch bemühe, nach den Regeln der StVO zu parken, meine Steuererklärung pünktlich abzugeben und die „flexible Vertrauensarbeitszeit“ ernst zu nehmen. Und warum ich überhaupt so etwas wie ein schlechtes Gewissen habe. AcÜberflüssig offensichtlich. Ach, ja. Ich muss ja. Ich heiße ja nicht Shimizu, Bouffier (oder Pfeffer oder beides mit Bindestrich…) oder auch Brüderle. Blöd.

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