„Beleget den Fuß…

Paris 1703… Mit Banden und mit Ketten,
Dass von Verdruss
Er sich kann nicht retten,
So wirken die Sinnen,
Die dennoch durchdringen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei…“ – Volkslied

Um nochmal auf gestern zurück zu kommen: Da ging mir am Ende meines langen Arbeitstages genau dieses Lied durch den Kopf. War schon immer eines meiner Lieblings-Pfadfinder-Lagerfeuer-Gitarren-Lieder, aber als ich gestern so allein in meinem stillen Großraumbüro saß, drang laut und deutlich die Stimme einer wutentbrannten Kollegin aus der Nachbarabteilung an mein Ohr. Und sie formulierte so einiges, das mir nicht zum ersten Mal durch den Kopf ging.

„… Die Gedanken sind frei
Wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei
Wie nächtliche Schatten;
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Kerker verschließen
Wer weiß, was es sei?
Die Gedanken sind frei…“

Die ‚freien Gedanken‘ wurden von einer Kollegin ausgesprochen. Und es handelte sich um die Wahrheit, die reine Wahrheit. Interessant war nur, dass ich das noch nie laut ausgesprochen gehört hatte. Außer in geflüsterten Gesprächen mit meiner Lieblingskollegin. Oder ansatzweise beim Austausch vielsagender Blicke. Dazu muss man anmerken, dass nach der Renovierung die Akustik zwischen unseren beiden Büros eher verstärkt als abgeschwächt wurde. Ich habe nicht gelauscht. Es war so laut, dass ich es nicht überhören konnte.

„… Ich werde gewiß
Mich niemals beschweren,
Will man mir bald dies,
Bald jenes verwehren;
Ich kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen;
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei…“ 

Eigentlich wäre es gut gewesen, wenn das mal Jemand gehört hätte, der damit etwas Sinnvolles hätte anfangen können. Aber das war natürlich nicht so. Wie immer. Leider. Wie schön wäre es, die Freiheit zu haben, solche Meinungen laut aussprechen zu können! Und es würde so vieles verbessern. Den Luxus, das zu tun, was Georg Schramm anlässlich der Verleihung des Kleinkunstpreises 2011 in Baden-Württemberg tat. Einfach zu sagen, was man denkt. Klick! Ganz einfach eigentlich. Und doch so schwer.

„… Ich denk was ich will
Und was mich erquicket,
Und das in der Still
Und wenn es sich schicket;
Mein Wunsch und Begehren
Kann Niemand mir wehren;
Wer weiß was es sei?
Die Gedanken sind frei…“

Leider sind die klugen Menschen heute die, die stets gut erzogen die Klappe halten, statt die tumben Deppen auf ihre Plätze zu verweisen. Dahin, wohin sie gehören. Ab dafür. Passiert aber nicht,. Rücksicht nehmen nur ‚die Guten‘. Macht haben ‚die Anderen‘. Und an diesem Punkt macht mich mein Lieblings-Pfadfinder-Lagerfeuer-Gitarren-Lied auch wahnsinnig wütend. O.k. – „Die Gedanken sind frei“, aber keiner derer, die etwas zu sagen haben, tut genau das. Und das ist die wahre Tragödie.

„… Wird gleich dem Gesicht
Das Sehen versaget,
So werd ich doch nicht
Von Sorgen geplaget.
Ich kann ja gedenken,
Was soll ich mich kränken?
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei…“

Vielleicht doch eher „Léo Ferré“? Oder Emmanuel Larcenet (s.o.)? Am Ende ist jeder Tag ein Ärgernis, weil man sich mal wieder aus falsch verstandener Loyalität zum Deppen von Idioten gemacht hat. Wieso eigentlich? Warum übernehmen eigentlich nicht die allüberall existierenden wirklich klugen und nicht korrupten Menschen endlich das ‚Kommando‘? Ohne sie geht es doch ohnehin schon lange nicht mehr! Wenn alle, die tagtäglich gernervt, mißachtet und unterschätzt werden, tatsächlich einmal sagten, dass sie das unwürdige Spiel nicht mehr mitspielen, wäre hier alles ganz flott vorbei.

„… Ja fesselt man mich
Im finsteren Kerker,
So sind doch das nur
Vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei.“

Aber wie soll das funktionieren, solange BILD gelesen wird? Und solange die drei Headliner „Heidis Topmodel hat den Krebs besiegt“, „Die jüngsten deutschen Sport-Giganten“ und „Was haben Olivenkerne im Gehirn zu suchen?“ lauten?! Ich bin irgendwie überfragt…      

Kommentar verfassen