Glencoe

Schottland 1833In Glencoe trafen wir eigentlich viel zu früh ein. Vorsichtig klingelten wir bei unserer nächsten Unterkunft, dem „Lios Mhoire Guest House“. Es begrüßte uns wider Erwarten eine ausnehmend gutgelaunte Inhaberin, die uns trotz viel zu frühen Eintreffens unsere herrlichen Gemächer (und das ist nicht übertrieben!) zeigte: ein riesiges Zimmer, ein Bad mit Badewanne, ein zusätzliches Zimmer mit Stockbett, in dem wir unsere Koffer deponieren konnten, und ein – Trommelwirbel! – Balkon mit Seeblick!

Wir lagerten unser Gepäck ein und machten uns angesichts des hervorragenden Wetters sofort auf den Weg. Es stand ein Rundwanderweg auf dem Programm. Hin durchs Lairig Eilde, dann eine Querung über extrem unwegsames Gelände, allerdings mit herrlichem Blick auf Glen Etive, und schließlich der Rückweg über Lairig Gartain.

Hin- und Rückweg waren unproblematisch, schwierig wurde es beim Übergang. Man verlässt den wirklich guten Wanderweg kurz hinter einem Gattertor – bloß nicht den Fehler machen, auf der Suche nach einer Querpassage zu weit abzusteigen! – , von dem aus man das zweite Gatter bereits sieht. Dieses zu erreichen, ist allerdings nicht einfach. Es gibt eigentlich keinen Weg. Man sucht sich einfach in bester Pfadfindermanier eine Möglichkeit, den dazwischenliegenden Geländerabschnitt zu überwinden. An dieser Stelle wurden wir übrigens zum ersten und einzigen Male ernsthaft ge-bogged.

Auf dem Weg durchs Lairig Eilde trafen wir auf eine lustige Zwei-Personen-Druiden-Gruppe in schwarzen Gewändern, die sich alle zwei Meter auf einem Stein niederließ, um Tabak-Brandopfer darzubringen. An der Querung verloren wir sie schließlich aus den Augen. Vermutlich irren sie gerade hilf- und mittlerweile auch kippenlos durchs Glen Etive. Hugo hielt am höchsten Punkt unseres Weges eine Weile Ausschau nach ihnen, beschäftigte sich dann aber mit etwas anderem…

Vor unserer Rückkehr in unser hochherrschaftliches Domizil besorgten wir zum Abendessen noch Baguette, Käse, Trauben und Rotwein. Nach der Völlerei der vergangenen Tage hatten wir beschlossen, ein einfaches Abendessen auf unserem Balkon einzunehmen. Herrlich – auch ohne Sticky toffee pudding.

So perfekt wie das Zimmer war auch das Frühstück. Der Bauherr wählte zu seinen Scrambled eggs eine Scheibe Black pudding aus Stornoway („Even the white bits are black!“). Und dabei blieb er auch bis zu unserer Abreise. Ich verlegte mich auf Mushrooms and beans zu fried eggs. Daneben gab es frisches Obst, Joghurt, Müsli und… und… und… So sollten Tage immer anfangen!

Ich fühlte mich gestärkt und bereit für die nächste Herausforderung. Dachte ich zumindest. Am Ende des Tages war ich auch am Ende meiner Kräfte. Über Lairig Gartain stiegen wir zum Stob Dearg auf. Der Anstieg war ziemlich steil und kraftraubend – und ich hatte ja außer den Sticky-toffee-pudding-Eskapaden in Portree auch noch mit Altlasten zu kämpfen. „Oben“ war leider mal wieder nicht oben.

Der Schlussanstieg lag noch vor uns. Ich passte. Der Bauherr nahm den Stob Dearg alleine in Angriff (lustiges Ratespiel: Such den Bauherren in der blauen Jacke!), während ich rastete. Gipfelfotos also diesmal von der – i.ü. hervorragenden! – Handykamera des Chefs: Klick! Klick! Klick!

Ich bereitete mich derweil mental auf den Rest des Weges vor. Man muss ja jetzt irgendwie auch nicht jeden Schutthaufen rauf, oder? Der Weg ging ohnehin in die andere Richtung weiter.

Als wir wieder vereint waren, nahmen wir den Rest des Weges in Angriff. Über einen Bergrücken ging es zum nächsten Munro, dessen Namen ich jetzt irgendwie verschludert habe. Auf solche Nebensächlichkeiten konnte ich mich zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr konzentrieren. Von dessen Gipfel aus kam ich dann auch noch zu Panoramafotos. Zu diesem Zeitpunkt war ich dann auch eigentlich wieder recht guter Stimmung. Dann kam der Abstieg. Zwei Ausrutscher wurden mit erneutem, schmerzhaftem „Hinsetzen“ quittiert. Das war nicht einfach. Aber ich überlebte es, wenn auch ziemlich angeschlagen. 

Immerhin hatten wir das gute Wetter erneut genutzt. Für den folgenden Tag war nämlich Regen angekündigt. Auf unserem Balkon speisten wir eine zweite Runde Käse und Brot und spülten alles mit Rotwein runter. Mit einem ziemlich teuren, aber ziemlich ekligen Rotwein übrigens. Gulp! Für den letzten Abend in Glencoe entschlossen wir uns zu einem Restaurantbesuch.

Vorher verbrachten wir den verregneten Tag auf den Spuren Harry Potters. Mit dem „Jacobite“ (ein Klick! in die Erste Klasse, die leider ausgebucht war), der für Filmaufnahmen kurzfristig als „Hogwarts Express“ benutzt worden war, fuhren wir von Fort William nach Mallaig, einem irgendwie ganz und gar nicht malerischen Küstenstädtchen. Vor allem nicht im Regen. Das Topfoto des Tages ist folgendes: Seagull durch nasse Scheibe. Auf dem Rückweg gelang mir immerhin ein gerade noch vorzeigbarer Schnappschuss des Zuges auf dem Glenfinnan Viaduct.

Zum Abendessen kehrten wir im „Seafood Cafe“  in Kinlochleven ein. Das Essen war erträglich, aber nicht wirklich der Hammer – zumal für den Preis, den wir am Ende berappen mussten. Starter: Smoked Salmon, Main course: Sole, Dessert: Passionsfruit posset. Wie gesagt: lecker, aber nicht atemberaubend.

Den Abend verbrachten wir dann vor dem Laptop mit einem WDR-Konzertmitschnitt anlässlich Woody Guthrie’s 100. Geburtstag. Ein netter Abschluss vor unserer Abreise zur letzten Station in Arrochar.      

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