Gib mir die Kugel!

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Ja. Ich geb’s zu: Ich habe allen Familienangehörigen am Ende die Kugel gegeben, aber es floss kein Blut. Immerhin! Trotz Weihnachten. Kleiner Scherz…

Die „Kugel“ stand wie gesagt allerdings erst am Ende des diesjährigen Wehnachtsmenues. Deshalb kommen wir zu ihr erst später. Beginnen wir mit den Begrüßungshäppchen zum Sekt. Diesmal gab es keinen klassischen Gruß aus der Küche, sondern mehr ein portugiesisches „Olá!“. Ein kleiner „Salada de feijão-frade à portuguesa“ eröffnete den Reigen der Speisen.

Dazu ein selbstgemachter Frischkäse und eine kurz vor dem Fest konstruierte Piri-Piri-Variante, die jeder überleben sollte. Funktionierte dann auch. Puh! Die dazu eingeplanten Butterpanini nach Carmelo Greco-Rezeptur sorgten am späten Heiligabend zwar noch fast für einen Nervenzusammenbruch, aber dank der Nachbarin und ihres Kilos Dinkelmehl konnte ich auch am 24.12. in einen tiefen, erholsamen Schlaf sinken.

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Sowohl für die zweite Vorspeise als auch zum „Olá!“ waren Brötchen eingeplant. Und ich stellte auf den letzten Drücker fest, dass ich absolut kein Mehl mehr im Haus hatte. Unvorstellbar eigentlich, aber offensichtlich hatte de Weihnachtsbäckerei meine letzten Notreserven geschluckt. Und die Geschäfte hatten bereits dicht gemacht. Verdammt!

In völliger Verzweiflung schickte ich zu total unpassender Zeit ein WhatsApp an die Lieblingsnachbarin. Noch bevor ich die Antwort gelesen hatte, klingelte es. Ihr Sohn stand wie ein kleiner Weihnachtsengel vor der Tür und hatte ein Kilo Mehl in der Hand! Ein Glorienschein umspielte sein liebliches Haupt. Tim, ich danke dir!

Als erste Vorspeise gingen in Salbeibutter geschwenkte Kürbisgnocchi an den Start. Eine kleine Reminiszenz an unsere magere Gartenernte musste ja nun irgendwie auch sein. Wie beim Testlauf schmeckten sie lecker.

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Sie wurden gefolgt von der Kellerschen Gulaschsuppe, die es bereits letzthin gab: Klassische Gulaschsuppe nach Franz Keller. Und sie war diesmal vielleicht sogar noch ein bißchen leckerer.

Selbst der – meenzerisch ausgedrückt „schnäkelische“ – Sohn des Hauses bestand darauf, dass ihm der Rest eingepackt werden möge, und dass man ihm das Rezept gäbe. Das Rezept hat er mittlerweile. Die Schüssel mit der Suppe vergaß er allerdings bei seiner Abreise. Ich habe ihm eine neue für kommende Woche versprochen.

Nun zu den Brötchen. Sie waren köstlich. Exakt so, wie ich sie aus dem Greco-Kochen in Erinnerung hatte. Da ich gegen Ende der Vorbereitungen etwas knapp in der Zeit lag, wurden sie größer als geplant. Das tat ihnen aber am Ende keinen Abbruch. Hier das Rezept:

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Butter-Panini à la Carmelo Greco
Zutaten:
1 kg Mehl (ich nahm Dinkelmehl)
600 gr Vollmilch
1 Würfel Hefe
20 gr Zucker
30 gr Honig
50 gr Milchpulver
400 gr weiche Butter
20 gr Salz
Zubereitung:
Alle Zutaten bis auf die Butter miteinander verkneten. Weiche Butter (meine war ausgelassen, da ich keine Zeit hatte, sie laaaangsaaam warm werden zu lassen) nach und nach unterkneten.
Teig für sechs Stunden abgedeckt ruhen lassen. Anschließend kleine Brötchen formen und diese nochmals etwa 40 Minuten auf dem Blech gehen lassen. Dann etwa sieben Minuten bei 220° Umluft abbacken.
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Bevor es an den Hauptgang ging, gab es noch eine letzte Vorspeise. Diese bekam den Extra-Kick durch einen Einkauf am Vortag. Seit Wochen hatten wir verzweifelt versucht, einen regionalen Lieferanten für Bamberger Hörnchen oder Vitelotte oder eine ähnlich leckere Kartoffelsorte zu finden. Fehlanzeige.

Und dann stand ich zwei Tage vor der Zubereitung des Weihnachtsessens im örtlichen „tegut“ und mein suchender Blick blieb an einer Kiste mit Vitelotte hängen! Juhuuu! Das farbenfrohe Püree zum farblosen Zander war unter Dach und Fach.

Unter dem – auf der Haut gebratenen – Fisch landete ein wenig Avocado-Meerrettich-Crème. Für mich ein wirklich gut gelungener Gang. Sowohl optisch als auch geschmacklich.

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Und endlich war es soweit: Ungeduldige Familienmitglieder standen bereits kurz vor dem Hungertod! Der Hauptgang nahte. Ursprünglich waren Bürgermeisterstücke vom Kalb in Planung gewesen. Viel zu spät teilte uns der Metzger mit, dass man das Kalb nun doch leben lassen wolle. Und dass es für die Bestellung von Ochsenbäckchen nun auch zu spät sei.

Am Ende landete ich beim Hofladen des nahegelegenen Charolais-Hofs und schleifte mühsam einen Drei-Kilo-Braten nach Hause. Und das war der kleinste, der vorrätig war! Das Ding wurde gestreichelt, eingelegt und bemuttert. Und schließlich 15 Stunden lang niedrigtemperaturgegart.

Zwischendurch wurde Soßenansatz abgezapft und eingeköchelt, Rotkraut gekocht und vor allem am Rande des Nervenzusammenbruchs nach einer weiteren Beilage gesucht. Ich hatte eigentlich Pommes Macaire eingeplant, aber der bereits mehrfach getestete Teig schmeckte am Vorabend derartig fies, dass ich ihn im wahrsten Snne des Wortes „in die Tonne kloppte“.

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Gottlob fiel dem Gatten im letzten Augenblick ein, dass unser Bäcker ja am ersten Weihnachtstag morgens geöffnet haben würde. Und so orderten wir Baguettes und ich bastelte auf den letzten Drücker Serviettenknödel zum Hauptgang. Ohne Soß‘ nix los! Und ohne etwas zum Soß‘ auftunken erst recht nicht!

Und als dann schließlich alle das Charolais und die Klöße und das Rotkraut intus hatten, war es soweit: Dessert-Time! Der große Augenblick nahte.

Und daran hatte ich auch seit Tagen gebastelt. Wie nennen wir es denn mal? O.k.: Schokoladen-Weinbergpfirsich-Kugel / Vanille-Crème-fraîche / Schokokissen mit flüssigem Kern / Weinbergpfirsichspiegel / Holunderblüten-Joghurt-Eis / Pistazieneis / Sesamkrokanthippe.

Das Kugelrezept stammte aus dem Kronenschlösschen. Ich hatte die Blutorangenmasse durch Weinbergpfirsich ersetzt. Und bis zuletzt geschwitzt, dass die Kugeln nicht doch noch im Kühlschrank auslaufen würden. Taten sie nicht. Danke, Kugeln!

Es wurde Abend. Zum Äußersten – einem Käsebrett – kam es mal wieder nicht. Niemand war auch nur mehr in der Lage, ein Plätzchen oder eine winzige Praline zu testen. Weihnachtsessen, wie es immer ist: Alle sind platt. Und ein Kaffee bringt auch nur minimale Verbesserung…

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