Langes Fädchen, …

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… faules Mädchen? Keinesfalls! Für den nächsten Tag hatte nämlich der Gatte die Besteigung des Mount Zas angekündigt, des höchsten Gipfels der Kykladen. Klingt jetzt brutal, war aber machbar. Selbst für mich.

Wir starteten an der Kapelle Agia Marína und stellten das Auto unter eine schattenspendende Platane. Danke, Platane! Da alle anderen Touristen am Plaka Beach lagen, war einer der beiden Parkplätze noch frei. Danke, andere Touristen!

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Auf dem Weg nach oben erbeutete ich einen Wildthymian, den ich im Koffer in den Untertaunus zu schmuggeln gedachte. Zumindest könnte ich ihm ein etwas wasserreicheres Leben bieten. Ob das was wird, ist noch nicht ganz klar. Erstmal verpasste ich ihm einen Wasserschock, dann beschloss ich, ihn einfach in einen Beutel zu stecken und zu verstauen. Gestern habe ich ihn nach erneutem kurzem Wässern in den Garten gepflanzt. Wir werden sehen…

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Oben angekommen – immerhin soll hier Zeus einen Teil seiner Kindheit verbracht haben! – saßen wir ein wenig herum und bestaunten den guten Ausblick, bevor wir wieder abstiegen.

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Nach dem Mount Zas begann dann der dionysische Teil des Tages. Der Koúros von Potamiá und der von Flerió standen auf dem Programm. Ersteren fanden wir nach mühsamem Aufstieg in einer äußerst kompromittierenden Haltung vor:

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Offensichtlich hat er sich seine Schuhe ausgezogen, wollte ein Stück bergauf gehen und ist dann einfach umgefallen bzw. im wahrsten Sinne des Wortes „aus den Latschen gekippt“. Vermutlich – aber das ist nur unsere Vermutung – eine antike Auseinandersetzung mit dem Problem des Alkoholismus. Da hat sich Ariadne nach Theseus‘ Abgang ja einen tollen Kerl an Land gezogen. Gott hin, Gott her…

Den zweiten Kourós, den von Flerió, fanden wir in ähnlicher Stellung vor. Immerhin hatte er sich in den Schatten gelegt. Etwa eine halbe Stunde später war uns klar, was das zu bedeuten hatte.

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Da saßen wir nämlich in der als „Paradiesgarten“ ausgeschilderten – nennen wir es mal so… – „Restauration“ und hatten vergorene Flüssigkeiten vor uns. Der Gatte ein Bier, ich einen hausgemachten Wein. Exakt dieser Wein war mit Sicherheit dem guten Kourós zum Verhängnis geworden.

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Zurück zur „Restauration“. Ich zitiere mal den Reiseführer: „Hinter dem Kourós liegt der von den älteren Wirtsleuten so benannte „Paradiesgarten“, eine improvisierte Snackbar in einem üppigen Garten mit riesigen Zitronen- und Orangenbäumen. Der Garten ist ein wunderschön lauschiges Fleckchen, die Bar hat allerdings schon deutlich bessere Zeiten gesehen.“ So kann man das auch beschreiben.

Ich würde es kurz und knapp so zusammenfassen: Als wir eintrafen, war gerade ein betrunkenes griechisches Paar mit Kind damit beschäftigt, den ‚älteren Wirtsleuten‘ mehrere Flaschen ihrer selbst produzierten geistigen Getränke (Wein, Raki, Limoncello) abzukaufen, deren Bepreisung sich uns bis zuletzt nicht ganz erschloss. Sie waren in 0,5-Liter-Plastikwasserflaschen abgefüllt, die offensichtlich nach Lust und Laune etikettiert waren.

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Was mich übrigens wundert, ist, dass das Ganze auf meinem unauffällig aufgenommenen Foto viel anständiger aussieht als in der Realität – aber egal. Kommen wir zu der Frau. Sie trug zerrissene Shorts und so ein pseudowitziges Pups-T-Shirt mit der Aufschrift „Caution! Dangerous gases“. Als sie die Bestellung aufnehmen wollte, war es für eine Flucht zu spät. Der Gatte orderte ein Dosenbier, ich einen Wein. Er traf die bessere Wahl – auch aus hygienischen Gründen.

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Es handelt sich hier um einen Weißwein, keinen Rosé. Allerdings war das eher Sherry im Glas. Ein recht starker Sherry. Der Gatte meinte, ich müsse mir keine Gedanken machen, da bei dem hohen Alkoholgehalt ohnehin alle eventuell vorhandenen Keime abgetötet seien. Sehr beruhigend.

Nach den Getränken wurde uns dann noch ein Tellerchen mit einer aufgeschnittenen Tomate auf selbstgeschnitzten Zahnstochern und ein paar getrocknete Oliven offeriert. Ich probierte die Tomate vorsichtig. Sehr aromatisch! In einem kurzen unbewachten Moment steckte ich sie komplett in eine Tüte, um später das Saatgut zu extrahieren.

Während wir da so saßen, tauchte eine spanische Familie auf, die angesichts der „Restauration“ dann aber nur nach dem Weg fragte und die Kinder wegzerrte. So auf die „Fasst bloß nix an!!!“-Tour. Ich kicherte. Lag am Sherry. Wir zahlten und entfernten uns ebenfalls. Wieso dort eine komplett und fehlerfrei auf Deutsch geschriebene Karte hing – und nur eine deutsche Karte! – erschloss sich uns nicht. Wahrscheinlich hatte die Gasproduzentin irgendwann die Kinder deutscher Urlauber (Hänsel? Gretel?) entführt und zum Schreiben der Karte genötigt. Das Ganze macht schon einen etwas Hexenhaus-mäßigen Eindruck.

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Der Rückweg zum Auto war dann echt witzig. Paradiesgarten… Prust! Der Sherry tat sein übriges. Immerhin schaffte ich es, mich ohne größere Verluste und Gejammer auf dem Weg zu halten.

Da wir – also eigentlich nur ich, da der Gatte ja fahren musste – ohnehin gerade in dionysischer Stimmung waren, schauten wir noch in Chalkí bei der dort ansässigen Likörfabrik vorbei. Nach etlichen Testgläschen der drei verschiedenen „Kitron“s und des ebenfalls produzierten Ouzos, kauften wir zwei Flaschen. Ich steckte sie in den Rucksack und torkelte zum Auto.

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Sie wurden übrigens bereits am ersten Abend zu Hause durch mich und die Lieblingsnachbarin verkostet. Ausgezeichneter Stoff! Kein Wunder, hatte doch Ariadne anscheinend die Zitronen (Zitronatzitronen) gepflückt.

Zurück in Pirgaki war ich dann erstmal platt. Zum Abendessen habe ich mir seltsamerweise keine Notizen gemacht, die Überprüfung der Fotos auf dem Handy ergab allerdings, dass wir schon etwas gegessen hatten – unter anderem nämlich diese ausgezeichneten, fritierten Auberginen- und Zucchinistreifen.

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Am nächsten Morgen war dann die Welt wieder in Ordnung. Der Gatte hatte zwei Bootstauchgänge gebucht. Wir fuhren zum Alikó Beach und warteten zusammen auf das Boot. Hinter dem winzigen Hafen befindet sich eine monströse Hotelbauruine, die teilweise auch bereits eingestürzt ist.

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Immerhin ein Grund, warum dieser Teil der Insel nicht auch mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Touristen zugepflastert ist. Das Boot kam, ich nahm den Rückweg zu Fuß in Angriff. Ich hatte ja Zeit. In Flipflops übrigens. Durch den Sand. „Heißer Sand und ein verlorenes Land, und ein Leben in Gefahr…“ summte ich so vor mich hin. Gefahr war allerdings weit und breit nicht in Sicht.

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Dafür aber zum ersten Mal Wolken. Skandal!!! Zeit, die Insel zu wechseln!

Nachmittags sahen wir uns noch Apíranthos, ein Bergdorf im Ostteil der Insel, und Moutsouna, einen ehemaligen Verladehafen für Schmirgel, an. Bis dahin war mir nicht mal klar gewesen, dass es so etwas wie einen Schmirgelabbau überhaupt gegeben hatte.

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Im Hafen kann man noch die Verladekräne sehen, die allerdings – wie der „Paradiesgarten“ – auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Wir setzten uns im Schatten an die Kaimauer, tranken etwas und knabberten Nüsschen. Ein Tag konnte prinzipiell deutlich schlechter laufen.

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Auf dem Rückweg nach Apíranthos (endlose Sepentinenstraße) nahmen wir dann noch einen griechischen Anhalter mit, der altersmäßig wahrscheinlich noch im Schmirgelabbau sein Geld verdient hatte. Er bedankte sich und winkte uns noch hinterher, während wir zurück zur Unterkunft fuhren.

Auch am letzten Abend aßen wir wieder ein Stockwerk tiefer. Ich hatte als Vorspeise gar köstliche marinierte Fischchen und auch einen gegrillten Fisch als Hauptgang. Der Gatte hatte sich für Keftedes und Huhn entschieden. Blöd, dass diese wunderbare Schlemmerei morgen enden würde. Zuletzt bekamen wir noch eine 1,5 l-Flasche selbstgekelterten Roséweins als Geschenk mit auf den Weg. Wo wir gewohnt und gegessen haben? Kann man verraten, ist – vor allem das Restaurant – auch wieder eine echte Empfehlung: Psili Ammos. Vor dem Anklicken des Links empfehle ich allerdings, den Ton abzustellen.

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Am nächsten Morgen starteten wir dann nach einem Frühstück auf unserem Balkon durch nach Naxos Chora, um unseren Leihwagen abzugeben. Kleiner Tipp: Die Parkplatzssuche dort gestaltet sich in etwa so wie in der Mainzer Neustadt ab 18.00 Uhr. Na, Mahlzeit! Immerhin blieb noch Zeit, sich das Wahrzeichen von Naxos, das Tempeltor, aus der Nähe anzuschauen und in der Altstadt einen Frappe zu trinken.

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Unsere Reise ging mittags dann weiter nach Amorgos. Wir vertrauten unsere jungen Leben der Fährgesellschaft „Express Skopelitis“ an. Ein fataler Fehler?! Das Schiff war deutlich kleiner als bislang, dem Gatten schwante Übles. Bei recht rauher See starteten wir zu unserer Mini-Kreuzfahrt durch die Kleinen Kykladen.

Als die Kiste wie blöd zu schaukeln begann und ständig Wellen und Gischt über die Reling schwappten, waren wenigstens die italienischen Apnoeschwätzer aus der Sitzreihe hinter uns unter Deck verschwunden. Das machte die Sache zumindest für mich erträglicher.

Zwischen Koufounissi und Donoussa waren wir dann irgendwann ganz allein an Deck. Klatschnass beide, der Gatte mehrfach kurz davor die Fische zu füttern, ich in Wildwasserbahnlaune. Das konnte nicht gutgehen. Er verbot mir schließlich, ihn anzusprechen, konzentrierte sich auf den Horizont und warf zwei Reisetabletten ein. Menno!

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Irgendwann erreichten wir dann tatsächlich Amorgos. Tschüss, Ariadne! Mach’s gut, Dionysos, alter Suffkopp!

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