Padangbai: 1700 Stufen, ein Elefant und ein Virus

Am nächsten Morgen frühstückten wir wie immer in unserer Unterkunft. Für mich gab es stets ein Omelette mit Käse, der Gatte entschied sich für Jaffles (Sandwichtoast) mit Käse und Zwiebeln – dazu jeweils reichlich Obstsalat und Kaffee. Das Frühstück war immer sehr nett und angenehm, und es gehörte immer ein kleiner Plausch mit dem belgischen Teil unseres Gastgeber-Duos dazu.

Apropos „kleiner Plausch“: An diesem Tag kam es zu einem ausgedehnteren Plausch, nachdem ich den Gatten in der Tauchbasis abgeliefert hatte. Ich quatschte mich gnadenlos mit den Tauchdamen beim Kaffee fest. Kurz vor der Rückkehr des Gatten machte ich mich vom Acker. Sollte ja nicht so aussehen, als ob ich den kompletten Vormittag mit Kaffeeklatsch und Weibertratsch verbracht hätte! Ich doch nicht! Diabolisches Lachen hier…

Bei meiner Rückkehr in die Unterkunft erwartete mich bereits die nette Belgierin mit einem sehr jungen, sehr niedlichen und sehr naiven Hongkongchinesen namens Avis (zumindest hatte ich das so verstanden), der für den Nachmittag Anschluss suchte und den gleichen Tempel ins Auge gefasst hatte wie wir. Wir besprachen, dass er sich uns anschließend könne.

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass er den Pura Luhur Lempunyang nur besuchen wollte, weil er scharf auf ein Foto von sich in graziler Denkerpose im großen Tor des Tempels war – ein ausgespochen beliebtes Instagram-Selfie-Motiv (zum Thema „Instagram-Selfie-Motive kommen wie später noch ausführlich…). Das Foto musste dann übrigens der Gatte machen. Und nach mehreren Versuchen war Avis schließlich auch zufrieden mit sich auf dem Foto.

Ich versuchte derweil verzweifelt ein Foto des Tors zu machen, auf dem nicht gerade Liebespärchen in inniger Pose, hüpfende Instagramer oder Avis – oder gleich alle auf einmal – drauf waren. Es war unmöglich. Ich gab irgendwann auf. Da es ziemlich wolkig und diesig war, blieb mir der Blick auf den Gunung Agung im Hintergrund ohnehin versperrt. Blöd…

„Der Tempel“ ist eigentlich eine weitverzweigte Tempelanlage, an die sich nach dem wichtigen Motiv noch sechs weitere Tempel anschließen. Die schaut sich aber fast niemand an, weil sie sich erstens keinerlei Internetbeliebtheit erfreuen und zweitens der Reiseführer dazu sagt „Nach einem kurzen Fußmarsch sollte man noch einen Blick auf den strahlend weißen Pura Penataran Agung, den größten der insgesamt sieben Tempel werfen, bevor man nun zu Fuß zu den weiteren Tempeln des Pura Luhur Lempunyang aufbricht. Mehr als 1700 Stufen sind zu bewältgen. Der ca. zwei- bis dreistündige Aufstieg (je nach Kondition) ist wirklich sehr anstrengend, doch jede einzelne Stufe lohnt sich, und die Aussicht ist umwerfend!“

Wir machten uns an den Aufstieg. Der Gatte war hochmotiviert, ich eher leicht nölig, Avis mit allem einverstanden, was wir beschließen würden. Wir arbeiteten uns also Stufe um Stufe empor. Drei Tempel später (also nach insgesamt fünf Tempeln) war der Gatte immer noch motiviert, ich mittlerweile unmotiviert und durstig, und Avis bereit, dem Gatten bis zum Ende zu folgen. Ich stieg aus der Nummer aus, die beiden gingen weiter. Pah! Tempel! Kennste einen, kennste alle!

Ich wartete am Wegesrand auf die Rückkehr der beiden. Stattdessen kamen mir wahre Menschenmassen entgegen. Balinesen in feinstem Tempeloutfit und Flip-Flops, die zügig bergab eilten. So zügig, dass ich ihnen auf dem steilen Weg nicht mal in Wanderschuhen hätte folgen können. Und es waren alte Frauen darunter. Teilweise sehr alte Frauen. Und alle trugen auch noch irgendwelches Zeugs auf dem Kopf den Berg hinunter. Ich fühlte mich wie die unfitteste Person der gesamten Insel.

Überflüssig zu erwähnen, dass jeder – wirklich jeder – der bergab flitzenden Balinesen mich zumindest freundlich grüßte. Einige sprachen mich kurz an, machten Scherze und eilten dann in ihren Flip-Flops weiter. Ich schätze, man muss in Flip-Flops geboren werden, um es zu einer auch nur annähernden Trittfestigkeit in den Dingern zu bringen.

Schneller als erwartet kamen dann auch die beiden Herren zurück. Sie hatten den letzten Tempel dann auch von ihrer To-do-Liste gestrichen. Es langte. Ausgezeichnet!

Wir gingen zurück zum getreulich wartenden Jojohn, der uns wieder nach Padangbai zurückbrachte, und den wir für den kommenden Tag komplett vereinnahmt hatten. Er schlug vor, bereits frühmorgens zu einem Barongtanz zu fahren. Klar. Kann man sich mal anschauen.

Nach unserer Rückkehr nach Padangbai kehrten wir nochmals im „Surf & Turf“ ein, aßen Satay Ikan (Fischspießchen) und Gado-Gado (Gemüse mit Erdnusssauce), denen ein Ananaspfannkuchen bzw. eine Portion Eis folgten. Das Essen war wieder göttlich. Der Gatte sprach den älteren Herrn aus dem Warung auf das Rezept für die Erdnusssauce an. Er erklärte ihm, dass wir das dringend brauchten, weil seine Frau es nachkochen müsse usw. Der ältere Mann nickte permanent verstehend, lachte freundlich – und rückte es nicht raus. Ich fürchte, er hat nicht wirklich verstanden, was wir wollten. Aber egal. Er war sehr freundlich in seinem Unverständnis. Und mittlerweile habe ich es auch geschafft, eine ähnlich gute Erdnusssauce nachzubasteln. Dazu dann bei Gelegenheit.

Der Gatte verzichtete also am nächsten Tag auf weitere Padangbai-Tauchgänge und wir brachen zeitig auf. Ganztagssightseeing sozusagen. Jojohn brachte uns zum „Barong and Kris Dance Jambe Budaya“. Man fragte uns, woher wir seien – diesmal allerdings nicht, um Witze über das Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM zu machen, sondern um uns ein Din-A-4-Blatt auszuhändigen, das uns die Hintergründe des Tanzes erklärte. In ausgezeichnetem Deutsch übrigens!

Dem Barongtanz ging der Legong voraus, eine Darbietung zweier Tänzerinnen. Der Legong ist viel komplizierter als er aussieht. Da muss jede Fingerbewegung und jedes Augenrollen stimmen. Faszinierend.

Dann kam der Barong. Der Barong verkörpert praktisch „das Gute“. Im Tanz geht es um seinen Kampf gegen die Hexe Rangda, „das Böse“. Im Gegensatz zu unseren westlichen Märchen siegt hier allerdings nicht das Gute, sondern – ich zitiere das Blatt mit den Erklärungen: „Der Balinese glaubt, dass Gut und Böse nebeneinander existieren. Deshalb gibt es in der folgenden Geschichte, die sich um Barong und Rangda rankt, keinen Sieger.“ (…) „Sie kämpfen gegeneinander. Da sie aber von gleicher Kraft sind, kann keiner den anderen besiegen.“

Welche Rolle allerdings Sven Hieronimus, die alte rheinhessische Nervensäge, in der Geschichte spielt, hat sich uns nicht erschlossen. Aber er kam definitiv darin vor:

Nach dem Barongtanz brachte uns Jojohn in eine Silberschmiede, aus der ich Ohrringe herausschleppte, und in eine Galerie, die wir uns nur anschauten ohne etwas zu kaufen. Anschließend ging es in den „Kemenuh Butterfly Park“, wo die Schmetterlinge bunter und größer als an unserer Buddleia sind. Verdammt!

Von der Schmetterlingen ging es zum Wasserfall Air Terjun Tegenungan – dem ersten einer ganzen Reihe von Wasserfällen. Wasserfälle sind allgemein sehr beliebt in Bali. Und sie sind eine hervorragende Möglichkeit, von Touristen Eintrittsgelder zu verlangen ohne etwas dafür tun zu müssen. Wasserfälle sind nun mal da. Da kann man sie auch vermarkten.

Und die Touristen stehen auf Selfies vor Wasserfällen. Am besten auf Schaukeln. Oder mit einem lustigen Schild in der Hand. Für total individuelle Fotos ist alles bestens vorbereitet. Und auf der Treppe nach unten befindet sich auch gleich noch eine feministische Botschaft für junge Balinesinnen.

Auf den Wasserfall folgte eine Höhle. Die „Elefantenhöhle“ Goa Gajah nämlich. Offensichtlich ist immer noch nicht ganz geklärt, weshalb die Elefantenhöhle Elefantenhöhle heißt, aber egal. Ich präferiere die Theorie, dass es an der Ganesha-Statue im Inneren liegt. Elefanten gab es auf Bali offensichtlich nie.

Ich bin ja mehr der klaustrophobische als der speluncophile Typ, und das Betreten der Höhle war auch etwas gruselig für mich, aber da war ja Ganesha drin, mein Freund. Da ging das irgendwie.

Direkt bei der Elefantenhöhle liegt die Tempelanlage Pura Taman. Und um sie herum unzählige Sarong-Verkaufsstände. Bereits am ersten Stand wurden wir mit einem entschiedenen „You will definitely need one!“ zum Kauf aufgefordert. An den folgenden zwanzig Ständen war es nicht besser. Und als wir schließlich an dem Häuschen eintrafen, an dem wir das Eintrittsgeld zahlen sollten, meinte die Frau darin nur, dass es nicht nötig sei. Wir könnten so hinein.

Mit langen Hosen und einigermaßen züchtig bedecktem Oberkörper war das keinerlei Problem. Und es lohnte sich. Tolle Parkanlage!

Und während wir so am Rand des Seerosenteichs saßen, stellten wir fest, dass wir beide etwas platt waren. Erkältet. Die Klimaanlagenseuche.

Beim Besuch des buddhistischen Tempels wurden wir zwar vom anwesenden Priester mit Wasser besprenkelt, aber zumindest bei mir verbesserte es die Lage nicht wirklich. Der Gatte fühlte sich anschließend etwas besser. Und er hatte sein Virus in der Folge auch deutlich besser im Griff als ich meins. Aber dazu später mehr.

Als nächstes karrte uns Jojohn nach Ubud. Wir verabredeten uns für später am Parkplatz in der Nähe des Monkey Forest und marschierten in die Stadt. Ubud ist eigentlich recht nett, aber leider mittlerweile hoffnungslos überfüllt. Wir hatten Durst und waren schlapp. Also liefen wir ein wenig herum und entschlossen uns dann, irgendwo auf einen Kaffee o.ä. einzukehren. Allein die Straße zu überqueren kostete uns etwa zehn Minuten. Und das ist nicht übertrieben. Irgendwas kam da immer angeheizt, das uns den Weg abschnitt.

Zuletzt landeten wir im „Café Lotus“, dessen Zielgruppe eigentlich eher alte Menschen waren, aber zu diesem Zeitpunkt interessierte uns das nicht mehr. Wir fühlten uns total alt. Immerhin war der Blick von unserem Tisch recht entzückend. Und die Getränke waren kalt. Das langte uns.

Anschließend fanden wir die Kraft, noch eine Runde durch die Stadt zu drehen, um einen Sarong und eine Hose für mich zu verhandeln, den Monkey Garden zu umgehen, eine Apotheke aufzusuchen und zum Parkplatz zurückzufinden.

Wir stiegen wieder in Jojohns Auto, froren noch ein wenig dank der Klimaanlage und ließen uns zurück nach Padangbai bringen. Das Abendessen verlegten wir ins „Ozone Café“, das uns äußerst positiv überraschte. Wirklich gutes Essen, ausgesprochen netter Service.

Und zwischen Hauptgang (Mixed Satay bzw. Fish Curry) und Dessert (Pineapple Pancake bzw. Ice Cream) erschien auch noch unser Freund Avis, der sich zwischendurch aufgemacht hatte, Seminyak zu erkunden. An diesem Abend machte er allerdings eher den Eindruck, als ob er einen der Kellner erkunden wollte. Aber das war nicht unser Problem. Wir hatten nämlich gerade gar keins. Essen super am letzten Abend in Padangbai. Erkältungsbeschwerden hielten sich (noch) in Grenzen. Und ab ging es zurück in die Unterkunft. Koffer packen!

Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück zur Fähre nach Nusa Penida. Wir husteten an Bord ziemlich rum, hielten uns aber tapfer. Tolle Insel, türkises Wasser, Abholung am Hafen. Was will man mehr?! Eben. Nix!

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