Spitzendeckchen & eine geteilte Stadt

Ich wachte morgens vom Kampf mit der Stechmücke geschwächt auf, der Gatte verließ das Haus zum Tauchen und ich verbrachte den Vormittag mit Selbstmitleid, Tomatensamensicherung und der Herstellung eines Essens aus der immer noch in unserem Besitz befindlichen Kolokasi. Selbstmitleid ist einfach, mit Tomatensamensicherung kenne ich mich auch langsam aus, aber bei der Essensherstellung stieß ich ein wenig an meine Grenzen wegen der wenigen in der Küche vorhandenen Gewürze. Irgendwie ging es dann aber.

Damit war am vorletzten Urlaubstag der Kühlschrank nahezu leer. Das sah stark nach einer Punktlandung aus. Nach getaner Arbeit gönnte ich mir auf dem Balkon zur Belohnung erstmal ein Gläschen Aphrodite.

Als der Gatte eintraf, wurde gegessen. Anschließend ging es mit dem Kia Richtung Léfkara. Dabei handelt es sich um ein außerordentlich pittoreskes Bergdorf, das durch seit der venezianischen Zeit eine gewissen Berühmtheit durch die Herstellung von Hohlsaumstickereien – die sogenannten „Lefkarítika“ erlangt hat.

Als wir ankamen, hatte sich der Touristenansturm, der sich um diese Zeit des Jahres ohnehin noch in überschaubaren Grenzen hielt, bereits weitestgehend verlaufen – und es begann zu regnen. Wir kehrten auf Kaffee und Kuchen in einem kleinen Café – dem Léfkara Coffee Yard – ein. Der sehr nette Besitzer brachte uns einen außerordentlich köstlichen Walnusskuchen. Natürlich getränkt mit Sirup. Da bin ich auch schon auf der Spur des Rezepts und werde demnächst testen und berichten.

Der Regen verschwand wie er gekommen war. Wir liefen durch die Straßen und fanden, dass das hier wirklich ein besonders netter Ort war. Häuschen aus Bruchstein und eine Unmenge an fotowürdigen Türen. Und hübsche, schattige Durchgänge. So kann man es aushalten.

Die zahlreichen Läden, die die weltberühmten Spitzendecken anbieten – meist echt, aber auch Tourischrott Made in Taiwan darunter -, schlossen langsam und wir waren im Prinzip bereits auf dem Weg zurück zum Auto, als uns ein älterer Herr ansprach. Er war der Inhaber des Ladens, der die Originalstickereien vertreibt – Michael Rouvis.

Nach kurzem Überlegen beschlossen wir, dass man sich das ja mal anschauen könne und folgten ihm. Wenn man schon mal hier ist…

Zuerst verschmierten wir ihm seinen kompletten Steinboden mit unseren dreckigen Schuhen. Er blieb freundlich. Im Laden war seine Frau, die selbst Zeit ihres Lebens an den Deckchen stickte. Sie erklärte uns die Technik und wir waren platt. Das war wirklich fantastisch. Er zeigte uns, wie er die Muster entwarf. Wir waren wirklich fasziniert und das Gespräch dauerte und dauerte.

Das, was dort von den Frauen dieses kleinen Dorfs seit Jahrhunderten geleistet wird, scheint bedauerlicherweise – wie so vieles… – in allzu naher Zukunft zu Ende zu gehen. Die alte Technik beherrschen fast nur noch die älteren Frauen, die jungen ziehen weg.

Nicht ohne Stolz wurde uns vom Besuch Leonardo da Vincis im Jahre 1481 berichtet, den dieses Kunsthandwerk so begeisterte, dass er dem Mailänder Dom ein entsprechendes Altartuch spendierte, dessen Muster in seinem „Letzten Abendmahl“ zu sehen sein soll. Das alte Altartuch befindet sich immer noch dort. 1981 bestellte man ein neues Tuch zum 600sten Jubiläum des Doms.

Lesestoff dazu: Reuters – „Da Vinci lace seeks a new lease in Cyprus“, Medieval Milanetc – „Shopping with Leonardo“ und – leider nur auf griechisch, aber mit Fotos aus dem Laden – Cyprus Highlights – „Rouvis Lace & Silver“.

Am Ende waren wir derart begeistert, dass wir uns entschieden, uns einen Läufer für den Esstisch zu gönnen. So etwas Schönes und Besonderes – da ging kein Weg dran vorbei. Wenn das Ding so lange hält wie das erste Altartuch im Mailänder Dom, sollte es sein Geld wert gewesen sein.

Wenn ich es anschaue, sehe ich jedesmal diese kleine Nadel und diese winzige Schere vor mir, mit der die Löcher ins Tuch geschnitten werden. Selbstverständlich hat unsere Decke auch das Da-Vinci-Zick-Zack-Muster. Ist ja klar. Das musste sein.

Das kleine, ovale Deckchen wurde übrigens anlässlich des Osterbesuchs der Mutter überreicht, die dafür auch exakt den Platz gefunden hat, den ich beim Kauf im Kopf hatte.

Dank der nachhaltig sättigenden Wirkung der Kolokasi fiel das Abendessen aus. Und neue Stechmückenattacken gab es in der Nacht auch nicht.

Am Morgen unseres letzten Urlaubstags brach der Gatte zeitig zu einem Tauchgang auf. Es war reines Glück, dass er anschließend am Stück zurückkehrte. Sein Trockentauchanzug war aus unerfindlichen Gründen am linken Bein leck gelaufen, sodass er langsam immer schwerer wurde. Laut eigener Aussage ähnelte er am Ende einem Kugelfisch und war froh, dem „nassen Grab“ unbeschadet entkommen zu sein.

Ich sag‘ da mal weiter nix zu… Liest man doch überall: „Tauchen gefährdet Ihre Gesundheit“, oder?!

Das Tauchequipment wurde zum letzten Mal zur Trocknung ausgelegt. Jedes Gramm verdunstete Feuchtigkeit würde unsere Koffer leichter machen. Gut, dass die Deckchen wenig wogen.

Wir starteten durch nach Nicosia. Die „geteilte Hauptstadt“ wollten wir uns auf alle Fälle noch anschauen. So marschierten wir vom Busbahnhof, wo wir unser Auto abgestellt hatten, über die Ledra Street Richtung Türkei.

Der griechische Teil der Ledra Street war komplett verschattet mit Sonnensegeln – sehr angenehm! Und sehr hübsch für Fotos. Im Prinzip fühlten wir uns ein wenig wie in Valletta, was natürlich auf den venezianischen Einfluss zurückzuführen ist. Hübsche Balkone! Dazu der Sandstein und die Vorliebe für nette Haustüren.

Mal ganz langsam, Malteser! Haustüren und Balkone können auch Cyprioten!

Der Grenzübergang auf der Ledra Street ist eine Art „Checkpoint Charlie“. Alles ein wenig nervig. Zwei Passkontrollen – man verlässt ja schließlich auch Europa.

Keine Ahnung, ob sich ein Berliner mit griechisch-türkischen Wurzeln nach der Maueröffnung in seinem Kiez nicht mehr gut aufgehoben fühlte und nach Nicosia auswanderte – kurz vor der Grenze erblickten wir jedenfalls dies:

Und zum zweiten Mal an diesem Tage: Ich sach‘ dann mal nix!

Den einzigen wirklich fiesen Moment des Urlaubs erlebten wir übrigens auch kurz vor dem Grenzübergang. Wir standen bereits in der Passkontrolle-Schlange, als es zu regnen begann. Die nächstgelegene Einkehrmöglichkeit war diese:

Da es sich um ein Restaurant handelte, fragte der Gatte beim Betreten nach, ob es auch o.k. sei, wenn wir nur Kaffee und Kuchen bestellten. Kein Problem. Prima. Wir setzten uns an einen freien Tisch. Und warteten auf die Bedienung. Wir warteten sehr, sehr lange. Am Ende gab ich die Losung aus: „Wenn die Bedienung noch einmal an unserem Tisch vorbei läuft ohne uns zu beachten, gehen wir!“. Sie ging. Wir gingen.

In diesem Augenblick war es soweit. Der Besitzer des Restaurants begann uns zu beschimpfen, weil wir seiner Meinung nach nur den Regen abwarten, aber nichts bezahlen wollten. Wir versuchten beide ihm zu erklären, dass wir vergeblich versucht hatten, eine Bestellung aufzugeben, aber das interessierte ihn nicht wirklich. Er wollte unbedingt allen anwesenden Gästen zeigen, was für Deppen wir sind. Schmarotzer. Idioten.

Ich mach’s mal kurz: Das „Restaurant“ ist eine totale Touri-Nepp-Bude. Mit sowas sind wir in Athen schon voll gegen die Wand gelaufen. Aber diesmal wollten wir ja auch eigentlich sicherheitshalber nur einen Kaffee. Und ein Stück Kuchen.

Das Essen, das an uns vorbeigetragen wurde, war in etwa von der Qualität, die griechisches Essen in Deutschland „beim handelsüblichen Griechen“ hat. Also null. Egal. Dann also erstmal ab in die Türkei.

Ich sag’s mal so: Eine geteilte Stadt ist nicht gleich eine geteilte Stadt. In Nicosia läuft der Grenzverkehr in beide Richtungen. Trotzdem unterscheidet sich der griechische vom türkischen Teil doch enorm.

Lustig – wenn man da so nennen kann (‚Bernd‘ Höcke würde es sicher als Skandal bezeichnen!) – ist die Sache mit den Kirchen / Moscheen auf der türkischen Seite. Die meisten waren einmal griechisch-orthodoxe Kirchen. Nach der Teilung hatte man einfach die Kirchtürme mit den lästigen Kreuzen entfernt und durch Minarette ersetzt. Schwupp – Moschee!

Ich muss zugeben, bislang noch nie in einer Moschee gewesen zu sein, obwohl mich das ja schon irgendwie mal interessiert hätte. Hier war es ganz einfach. Guuut… Der Gatte überredete mich kurz, aber dann zog ich die Schuhe aus und ein Kopftuch an und folgte ihm.

Die ehemalige Sophienkirche zum Beispiel sah von außen noch exakt aus wie eine griechisch-orthodoxe Kirche. Von innen hatte man sie weiß getüncht, mit dickem Teppich ausgelegt, alle christlichen Symbole inklusive der Fenster entfernt und ab da „Moschee“ genannt. Praktisch. In einer „richtigen Moschee“ war ich damit leider immer noch nicht, aber zumindest irgendwie dann schon.

Immerhin hatte ich mein Leih-Kopftuch korrekt angelegt. Die Frau nach mir wurde vom „Aufseher“ angemotzt, weil man zuviel Haar sah.

Die Touri-Shops mit den gefälschten Markenprodukten lassen wir an dieser Stelle mal außer acht. Nachdem wir ja in Süd-Nicosia wüst beschimpft worden waren, tranken wir unseren Kaffee – den wir ja nun auch ungestraft als türkischen Mokka bezeichnen konnten – im Büyük Han, einer Karawanserei, die zwischenzeitlich irgendwann mal von den Briten als Gefängnis genutzt worden war.

Zum Kaffee gab es einen Sulu Muhallebi – einen Reispudding in Rosenwasser. Leider entstand das Foto erst, nachdem ich das Ding in meiner Gier bereits zu zwei Dritteln vertilgt hatte.

Wir schlenderten eine Weile herum, shoppten Mitbringsel und Gewürze und stürzten uns dann wieder ins pulsierende Leben der Stadt. Naja. So irgendwie jedenfalls.

An dieser Stelle sollte unbedingt noch etwas angemerkt werden, das mir selbst erst kurz vor Ende auffiel. Nicosia ähnelt praktisch städtebaulich einem Lefkara-Lace-Entwurf. Kreisrund mit umgebender Stadtmauer. Und dann allerdings blöderweise quer durchgeschnitten. Ich fand das irgendwie äußerst bemerkenswert.

Was bei den Gängen durch die Stadt noch unbedingt zu erwähnen wäre, ist unser Besuch in der türkischen Markthalle (auch hier Kolokasi, allerdings irgendwie geschält) und die Peace-Bank an der Grenze, die ich tatsächlich schaffte, in einem kurzen, unbesetzten Augenblick zu fotografieren. Ich fasse das dann mal zusammen:

Mein persönliches Highlight war übrigens die Autowerkstatt im Nordteil mit den insgesamt vier VW-Käfer-Wracks.

Da wir zu diesem Zeitpunkt noch für unser Abschiedessen auf einen Tisch in der Esels-Schmiede hofften, machten wir uns irgendwann wieder auf den Rückweg nach Larnaca.

Hier noch ein paar Eindrücke von Nicosia – irgendwie sind da immer noch massenhaft Fotos übrig…:

Unsere Hoffnungen auf den Eselstisch wurden anschließend in Larnaca im Keim erstickt. Der Laden war brechend voll. Aber auch diesmal hatte der Gatte einen Plan B parat: „Mboukia & Goulia“ – eine „Traditional Cyprus Tavern“. Und das war sie wirklich. Es wurde ein toller Abschiedsabend.

Es gab köstliches Essen, Live-Musik und eine komplett angenehme Atmosphäre. In den Laden würden wir jederzeit wieder gehen! Wirklich der perfekte Abschied von Larnaca.

Besonders erwähnenswert ist das absolut perfekte Knoblauchbrot auf dem Foto oben links am rechten Rand. Es handelt sich um ein typisch zypriotisches Brot (dessen Rezept ich bereits im Visier habe), das quer aufgeschnitten mit Knoblauch, Kräutern und Olivenöl bestückt und kurz angegrillt war.

Das komplette Essen war ein Traum. Kann man echt so sagen.

Vom letzten Meze-Gang blieb nur ein Knochen, bevor ich ans Foto dachte. Sorry…

Und als wir dann bezahlen wollten, kam der Hammer:

Eine Art Galaktoboureko ohne Filo, aber mit fluffigem Biskuit unten. Wir waren im siebten Meze-Himmel.

Im Restaurant war es laut und fröhlich, der Service war herzlich und „auf Zack“. Was will man mehr?! Genau. Nix.

Leider ging es am nächsten Morgen in aller Frühe wieder zum Flughafen. Auto weg, Koffer nah an der Grenze zum Übergepäck, aber durchgewunken. Dass mich in der letzten Nacht nochmal eine Stechmücke attackiert hatte, war dann auch egal. Ein letzter Blick auf Zypern. We’ll be back!

3 Kommentare

  1. Eidechsen-Fotos! Schon mal sehr schön. =)

    Aber als jemand, der die schönsten Jahre seines Lebens in einer Stadt mit Trennmauer verbracht hat, hätte ich mich auch sehr über Fotos der zypriotischen Ausgabe der Demarkationslinie gefreut. Vor Jahren habe ich mal eines von zwischen Ölfässchen gespanntem Maschendrahtzaun bekommen. Keine Ahnung, wie es da heutzutage aussieht.

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