Wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht

Am nächsten Morgen sah das Wetter wieder deutlich besser aus. Zeit für einen zweiten Versuch, in die Fußstapfen Wilhelms II. zu treten. Sooo groß sind sie ja nun nicht…

Wir fuhren also zum zweiten Mal nach Digermulen, stellten das Auto an der „Tankstelle“ (eine Zapfsäule… kein Kassenhäuschen…) ab und nahmen den Keiservarden in Angriff. Trotz meines durch übermäßigen Wally-Lamb-Konsum geschwächten Zustands erwischte ich wandertechnisch einen guten Tag. Es ging zügig bergan.

An dieser Stelle ein ausdrückliches Lob an die nordnorwegischen Birkenwäldchen. Die Dinger haben mir mehr als einmal den Hals gerettet. Vor allem in den Abstiegen.

Ich war wirklich erstaunlich gut drauf, jammerte nicht, fotografierte mich durch die Gegend und holte trotzdem recht zügig wieder auf. Der Gatte war überaus zufrieden mit meiner Performance.

Am Gipfel angekommen gab es Lakritze. So mag ich das. Finnische Lakritze übrigens, die ich deutlich leckerer fand als die norwegischen. Wir saßen so rum, ich fotografierte wieder in alle Richtungen, ein paar Russen ließen eine Drohne kreisen, das Wetter passte. Was will man mehr?!

Wir stiegen ab in der Hoffnung, einen Elch zu treffen. Unterwegs gab es auffallend viele Stellen mit Elchexkrementen (wir haben sie anhand des Internets verifiziert), aber es gab keinen Elch. Verdammt!

Am Fähranleger in Digermulen kauften wir in einem kleinen Supermarkt am Campingplatz ein: eine Salzmühle, ein paar Gewürze und Kartoffeln, Lakritze, Melkesjokolade. Für den Rückweg hatte sich der Gatte vorgenommen, einen Strand zu finden, der als Tipp im Rother angeführt war. Und wir fanden ihn. Und ich wäre am liebsten dort geblieben, hätte ein kleines, rotes Häuschen gebaut und den Rest meines Lebens damit verbracht, Fisch zu braten und auf den Strand zu starren. Und im Winter zu heizen. Es handelt sich um den Strand von Årsteinen.

Praktisch ein „Doppelstrand“. Nach zwei Seiten abgehend von einem Sandstreifen zu einer kleinen Insel. Herrlich!

Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt und eine Speicherkarte mit Fotos vollgeballert hatte, konnten wir weiterfahren. Unterwegs hielten wir mehrfach an der E10, um Fotos von roten Häuschen am Fjord zu machen. Ein überaus dankbares Motiv, bei dem man nichts falsch machen konnte.

Zu Abend gab es einen Versuch mit Sommerkål in Senfsoße (unter Zuhilfenahme eines der vegetarischen Brotaufstriche), Torsk und Poteter. Ich arbeitete hart an meinen Bratkartoffelskills. Vorgekocht – und dann möglichst in anderer Form angebraten als am Vortag. Mehr Variation gab es nicht.

Aufgrund der außerordentlich guten Qualität und der Frische des Fisks haben wir zwei Wochen lang wirklich gut gegessen – ohne vom lofotischen Schema „Poteter, Fisk & Kål“ abzuweichen. Dazu meistens Dosen-Tomater mit angeschwitzten Zwiebeln und mehr oder weniger scharf. Das langte. Und niemand vermisste etwas.

Für den nächsten Tag war Henningsvær auf dem Programm. Vor allem die Fotos von oben, vom Festvågtinden (541 m), reizten mich. Blöderweise war mir im Vorfeld nicht klar, was Festvågtinden bedeutet. Das Ding ist praktisch nur über einen Weg in der Falllinie zu erreichen. Etwa auf einem Viertel des Weges gab ich auf. Ich hatte Panik. Das ging so derartig steil bergab, dass ich das Gefühl hatte, nie wieder runter zu kommen, wenn ich jetzt weiterginge.

Ich setzte mich zitternd in die Nähe einer Markierung und versuchte, die Panik brutal abzuwürgen. Der Gatte machte sich derweil an den Rest des Aufstiegs. Während ich da so saß, rutschten etliche Wanderer direkt an mir vorbei Richtung Meereshöhe. Meine Panik wuchs. Als der Gatte zurückkehrte, war ich praktisch in Schweiß gebadet. Angstschweiß. Klar! Ich wusste ja noch nicht, was auf der Matmora-Wanderung abstiegstechnisch auf mich zukommen würde. Aber dazu später.

Wir schleppten uns – mehr (ich!) oder weniger (Gatte) – hysterisch bergab. Ich war wirklich froh, wieder auf der Straße zu stehen. Und kurz danach mitten in Henningsvær. Wir liefen eine Weile durch den Ort, über den Fußballplatz, den ich bereits von zahlreichen und imposanten Drohnenfotos kannte bis zum Leuchtturm und zurück.

Insgesamt war ich eher enttäuscht und hatte mir deutlich mehr versprochen. Egal. Netter, kleiner Ort, aber nichts Besonderes. Für das Ølfestival im September waren wir eindeutig zu früh dran. Mist!

Um unsere persönliche Ølkrise zu bekämpfen, kehrten wir auf dem Heimweg nochmal im REMA1000 ein. Unsere Vorräte an Grans Lettøl mussten aufgestockt werden. Und die Lakritze waren auch schon wieder alle. Und die Lieblingsnachbarin hatte eine bestimmte Sorte Tee geordert, die es nur in Norwegen gibt.

Auf dem Heimweg sondierten wir den Einstieg der für den folgenden Tag geplanten Matmora-Wanderung, hingen gefühlt stundenlang hinter einem VW-Bus-Camper und erreichten schließlich unsere hervorragende Unterkunft. Es gab an diesem Abend (Variatio delectat!) Torsk, Fiskekaker, Tomater, Poteter und Blomkål. War bei REMA 1000 für NOK 10,00 pro Kopf im Angebot. Schnapper!

Und offensichtlich gab mir das die Kraft für den Folgetag. Die Matmora (788 m) stand an.

Und ich hatte Glück, hatte ich doch den besten Tag des Urlaubs erwischt. Es ging bergauf. Sehr lange bergauf. Kurz vor dem Gipfel begegnete uns ein Ehepaar, das noch völlig enthusiasmiert vom Ausblick war. Ich war heiß. Wir stiegen weiter auf. Auf dem letzten Drittel bereits war die Sicht perfekt. Vorher lag der Gipfel in Wolken. Während unseres Aufstiegs klarte es auf.

„Oben“ war den Aufstieg absolut wert. Eine der schönsten, aber auch anstrengendsten Wanderungen, die ich je gemacht habe. Ehrlich!

Und dann kam der Abstieg. Im Rother stand: „Der Weg hält sich immer links unterhalb des Grates und wir steigen über Mattenhänge und einige felsige Abschnitte gemütlich ab.“ Gemütlich. Wessen Gemüt enspricht dieses „gemütlich“?! Meinem jedenfalls nicht. Ein Scherz.

Der Weg führte unterhalb des Grats entlang – so weit, so gut -, aber man geht praktisch permanent in direkter Falllinie quer. Ich schwitzte wie ein Schwein. Vor allem, wenn ich nach vorne zum Gatten sah, von dem ich vermutete, dass er bei jedem Schritt den Abgang machen würde. Sowas ist nichts für Leute mit Höhenangst. Nicht mal im Anfangsstadium. Als wir das Hochplateau erreichten, war ich fertig mit den Nerven.

Ich versuchte, mich abzulenken. Oh! Niedliche Schafe! Gleich mal ein paar Fotos machen! Etwa fünf Minuten später ging wegen exakt dieser Fotos fast ein Schafbock (der auf dem unteren Foto) auf mich los. Na, toll…

Nachdem wir auf dem Weg zum Parkplatz kurz angehalten hatten, weil ich ein paar Schiffchen fotografieren wollte – und mir dabei den Pferdekuss des Jahrhunderts an einer aus der Leitplanke herausstehenden Schraube zugezogen hatte und auf dem Weg zur Matmora von zahllosen Bremsen malträtiert worden war, wäre das jetzt genau das gewesen, was ich noch ebrauchte hätte. Danke!

Als wir endlich wieder unten waren, lagen noch sechs Kilometer Landstraße bis zum Auto vor uns. Ich war allerdings zu diesem Zeitpunkt so derartig gut drauf, dass ich mich hüpfend und frohlockend fortbewegte. Nach drei Kilometern ließ das gerade etwas nach. Ein Auto hielt neben uns. Es wurde von einem norwegischen Ehepaar gesteuert, dass uns erst oben an einer schwierigen Wegstelle und dann nochmals unten an der Landstraße begegnet war. Die beiden boten uns an, uns bis zum Parkplatz mitzunehmen, da sie ohnehin in diese Richtung fuhren. Perfekt!

Zum Abendessen gab es Tomater, Fisk, Fiskekaker und – Überraschung! – keine Poteter, sondern Champignons. Auch gut. Satt. Platt. Bett.

Am nächsten Morgen sah das Wetter eher bescheiden aus. Wir entschieden uns für wetterunabhängige Unternehmungen. In diesem Fall einen Besuch in Kabelvåg. Um genau zu sein in den drei dort ansässigen Museen. Unterwegs gab es noch Fotos von den Torskgestellen in Laukwik.

Diese Holzdinger sind flächendeckend überall auf den Lofoten verteilt. Hier wird bis Ende Juni der Torsk getrocknet. Wir erwischten ein paar wenige, noch behängte Gestelle Anfang Juli. Was die Beziehung der Lofotenbewohner zum Dorsch angeht, wurden wir an diesem Tag in Storvågan ausreichend aufgeklärt.

Wir starteten mit dem „Lofotmuseet“. Der Besuch ist wirklich lohnenswert, zumal man dafür ja einen der nicht gerade wenigen Regentage nutzen kann. Das Ticket gibt es günstiger, wenn man alle drei Museen in Storvågan besucht: Lofotmuseet, Galleri Espolin und Lofot-Akvariet. Und es lohnt sich.

Die Museen bilden ein perfektes Panorama der Geschichte des Fischfangs (Kabeljau / Dorsch / Skrei) auf den Lofoten ab. Bevor die Norweger das Öl entdeckten, war die Fischerei DIE Haupteinnahmequelle.

Sorry für die schlechte Qualität des oberen Fotos…

Vom Lofotmuseet ging es in die Galleri Espolin, die sich mit dem Werk des Malers Kaare Espolin Johnson befasst , der viele Jahre damit zugebracht hat, das Leben der Fischer abzubilden. Auch hier: Empfehlung! Unbedingt Film ansehen.

Das „Akvariet“ war insofern lustig, als wir einer Reihe von Tieren begegneten, die wir anschließend essen würden. Aber dazu später.

Im Anschluss an die Kulturtour gab es noch einen Versuch der Besteigung des Høven. Ich lasse mich dazu mal nicht näher aus. Nachdem ich schon vom Golfcourse im Tal angepisst war, stand mir der Sinn eh nicht mehr nach körperlicher Betätigung. Und das blöde Ding war im unteren Teil bereits derart matschig, dass ich dann sowieso keine Lust mehr auf mehr hatte. Zum Thema Matsch kommt aber noch einiges. Das ist versprochen.

Und außerdem musste ja gepackt werden. Am kommenden Morgen sollte es weiter Richtung Westen gehen. Unser nächstes Quartier befand sich auf Moskenesøya. Und bis dahin lagen ein paar Brücken und einige Kilometer auf der E10 vor uns.

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