Lasset die Moskitolein zu mir kommen…

Am nächsten Morgen wurden wir um sechs Uhr vom zaghaften Klopfen der Regentropfen an die Scheibe geweckt. Raus aus dem Bett und die bereits getrockneten Sachen auf der Wäscheleine retten! Es regnete tatsächlich. Das war zwar seit Tagen prognostiziert worden, aber wir konnten es nicht glauben. Unser erster Regen auf Gozo.

Es handelte sich allerdings nur um einen Schauer, der flott wieder vorbei war. Ich konnte problemlos draußen herumlungern, während der Gatte sich wieder unter Wasser begab. Der Himmel verdüsterte sich erneut geringfügig. Ich beschloss, den Lighthouse Supermarket jetzt gleich aufzusuchen, da ich noch ein paar Dinge besorgen wollte.

Ich trödelte darin herum – in ausländischen Lebensmittelgeschäften gibt es ja immer so viele interessante Dinge zu sehen (und nach Hause zu schleppen…) – und stand schließlich an der Kasse. Oh! Der Himmel hatte sich aber deutlich verdüstert! Die Malteserin vor mir kaufte eine Rolle Müllsäcke. Clever!

Sie bot mir dann einen an, als wir beide vor der Tür standen und auf die Sturzbäche starrten, die sich ihren Weg die abschüssigen Straßen hinab Richtung Meer bahnten. Ich lehnte ab. Sooo weit war es ja nun nicht… Dachte ich.

Unterwegs wurden mir zwei Dinge klar: Erstens verstand ich, weshalb die Bürgersteige überdurchschnittlich hoch angelegt waren. Es gibt nämlich keine Kanalisation. Die Straßen und Treppen sind die Abwasserkanäle. Immer runter und dann ab ins Meer. Und zweitens begriff ich den Sinn von Balkonen. So schaffte ich es, die Wohnung zu erreichen, ohne zu ertrinken. An einem Miss-Wet-T-Shirt-Contest hätte ich trotzdem locker teilnehmen können.

Der Gatte wartete derweil vor der Tauchbasis aufs Ende des Unwetters. Wir verabredeten fernmündlich, den Nachmittag in Museumsbesuche zu investieren. Als er wieder eintraf, regnete es immer noch. Wir fuhren los nach Victoria.

Exakt bei unserer Ankunft klarte es auf. Und innerhalb kürzester Zeit war alles wieder, wie es sein sollte: strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Die Museen auf der Cittadella, die im Eintrittspreis des Besucherzentrums enthalten waren, wollten wir uns trotzdem anschauen. Die Karte gilt übrigens einen Monat lang.

Wir durchwanderten das Museum of Archaeology, aus dem ich zwingend eine kleine Gipskopie des neolithischen Paares mit dem Chipsschüsselchen auf der Couch aus dem Ġgantija Tempel nach Hause schleppen musste. Jetzt sitzen sie im Wohnzimmer neben dem Fenseher. Ich mag sie.

Im Old Prison wurden wir von einem fließend deutsch sprechenden Angestellten überrascht, der uns eindringlich darauf hinwies, dass wir den „Graffitti“ an den Wänden besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen sollten.

In den weichen Sandstein hatten über die Jahrhunderte allerlei illustre Gefangene – u.a. auch Fra Jean Parisot de Vallette, einer der späteren Großmeister von Malta – Dinge eingeritzt: Schiffe, Handabdrücke, Daten, Ritterkreuze u.a.

Schiffe waren wohl am beliebtesten. Wir fanden unzählige. Vermutlich ein Ausdruck von „Ich will hier raus. Mein Schiff wartet!“

Anschließend schauten wir uns noch das Gozo Nature Museum an. Und es gab eine Ausstellung zur Bergung von allerlei Schiffsladung aus einem vor der Xlendi Bay in 120 Metern Tiefe gefundenen phönizischen Handelsschiff.

Inzwischen war das Wetter wieder absolut perfekt. Wir holten unseren Kaffee auf dem St. George’s Square nach, der eigentlich für den Vortag geplant gewesen war. Unterwegs fanden wir auch das „House of Gozo“ wieder, das einfach nur in einen neuen Laden umgezogen war. Es wurde eingekauft. Zum Beispiel ein weiteres Küchenhandtuch mit Azure-Window-Motiv. Und der Gatte schenkte mir ein sehr hübsches Notizbuch.

Und während wir bei Red Velvet und Cherry Cheese Cake in der Sonne saßen, schlurfte der legendäre Patrick Grima an uns vorbei. Ich zitiere mal den Michael-Müller-Reiseführer: „Die Geschichte ist zwar schon über zwanzig Jahre her, aber immer noch amüsant. 1994 trat Patrick Grima (geb. 1958), der gozitanische Jon Bon Jovi und damalige Lead-Sänger der inselweit bekannten Hard-Rock-Combo Right On mit dem Slogan „Musikboxen an jeder Straßenecke“ als Kandidat bei den Stadtratswahlen an. Die Abfuhr, die die Victorianer den Kandidaten der beiden großen Parteien erteilen, bescherte Grima einen triumphalen Sieg. Selbst der Verlag des Guiness Book of Records wurde auf Grima ausmerksam, weil er angeblich den weltweit höchsten prozentualen Stimmanteil verbuchen konnte, den je ein parteiloser Kandidat bei einer Stadtratswahl erhalten hatte. 1997 endete Grimas politische Karriere, nachdem es ihm nicht gelungen war, sein Wahlversprechen einzulösen. Heute widmet sich Patrick Grima wieder der Musik und profaneren Dingen.“

Schön formuliert. Unter den „profaneren Dingen“ kann man wohl den Genuss geistiger Getränke verstehen. Er war in keiner guten Verfassung.

Auch ich war am Ende des Tages in keiner guten Verfassung. Mein Gott, wer ist das schon dauerhaft?! Allerdings hatte das andere Gründe. Aber: first things first.

Wir hatten für den Abend unseren Tisch im hochgelobten neuen „AlanTil-Joplin“ reserviert und waren voller Vorfreude. Das Restaurant liegt zwischen Marsalforn und Xagħra sehr hübsch am Berg mit Blick über Marsalforn Valley und Bay und auf die beleuchtete Cittadella und Victoria. Ein ausgezeichneter Platz für ein Abendessen. Wir saßen direkt an der Panoramascheibe.

Wir starteten mit einem Ta‘ Mena-Vermentino, gut gekühlt und überaus köstlich. Dazu gab es als Gruß aus der Küche kleine selbst hergestellte Brötchen, die nach frischen, gehäuteten (wenn sie so frisch sind, dass man die innere Haut problemlos abziehen kann) Walnüssen schmeckten und zu denen es ein Kräuterpesto gab.

Alles war perfekt – bis mich etwas in den Knöchel stach. Und noch etwas. Und noch etwas. Ich trug Sandalen. Wir stellten fest, dass das Fliegengitter zwischen uns und dem Sonnenuntergang ein Loch hatte. Wir schlossen das Fenster.

Es folgten für den Gatten die Soup of the Day (Tomato) und für mich Breaded Tuna and Potato Cakes mit Lemon infused Mayonnaise und marinated Cucumber. Ein Traum. Ich wurde im Nacken gestochen. Offensichtlich als einzige Person im gesamten Restaurant.

Egal. Der Lampuki näherte sich schon unserem Tisch. In Kräutern gebraten – hauptsächlich Thymian und Rosmarin – und mit perfekten Gemüsebeilagen. Weitere Stiche an den Armen und Händen folgten (T-Shirt…), aber ich ließ mich nicht beeindrucken.

Als Dessert hatten wir uns einen Zwei-Personen-Teller mit gemischten Desserts bestellt: Imqaret, Banana Bread, Berry Ice Cream, Meringue, Chocolate Sauce und Himbeeren. Bis zum Ende des wahrhaft köstlichen Desserts spürte ich es auch an den Zehen. Und zwischen den Zehen. Und überhaupt überall.

Es handelte sich um ein veritables Moskito-Massaker, dessen einziges Opfer ich war. Der Gatte – wie auch offensichtlich alle anderen Gäste – kamen ungeschoren davon. Nur ich. Ich schmecke offensichtlich besonders gut. Toll…

In der Nacht schlief ich kaum, sondern bearbeitete sämtliche betroffenen Stellen meines Körpers (also praktisch den gesamten Körper) ununterbrochen mit Tony’s Cortison-Salbe, was allerdings nur ansatzweise und kurzfristig Linderung brachte. Am Morgen – als man dann erkennen konnte, wo ein Stich endete und der nächste begann – zählte ich 25 neue Stiche – zusätzlich zu den bereits vorhandenen. Und auf alle reagierte ich allergisch. Zudem regnete es schon wieder. Was ist das für ein Gott, der so etwas zulässt?!

Mittags kehrte der Gatte gutgelaunt vom Tauchgang vor Ta‘ Cenc zurück und berichtete von Seepferdchen, Knurrhähnen und Muränen. Ich litt. Wir beschlossen, von Mġarr nach Mġarr Ix-Xini und zurück zu wandern. Ob ich jetzt rumlag und litt, oder ob ich tapfer an der Küste entlang marschierte – am Juckreiz würde das nichts ändern. Die Sonne kam heraus. Wir fuhren los.

Das Auto wurde in der Nähe des Fähranlagers auf einem „Parkplatz“ (die Anführungszeichen sind Absicht…) abgestellt, der offensichtlich von gozitanischen Pendlern genutzt wurde. Unbefestigt und planlos zugeparkt. Ich machte mir ein wenig Sorgen um den Leihwagen, aber der Gatte zerstreute diese umgehend. Wir gingen los und arbeiteten uns erstmal durch einen völlig verschlammten Streckenabschnitt vor, den der Regen auf dem Gewissen hatte. Die Sicht war klar, das Wetter besserte sich kontinuierlich, am Horizont erschienen Comino und Malta.

Und während mein linker Fuß spürbar anschwoll und kurz davor war, den Wanderschuh zu sprengen, und ich verzweifelt und sinnlos an meinen Händen herumkratzte, stießen wir auf etwas ganz Wunderbares: die Red Bay.

Ich vergaß meine Leiden auf der Stelle und knipste wild in der Gegend herum. Sowas Schönes!

Bis zur Middle Finger Bay / Ras il-Ħobż ballerte ich willenlos die Speicherkarte voll. An der Angelina-Jolie-Stelle mit dem ausgewaschenen Sandstein fand das ein jähes Ende, als ich auf dem feuchten Untergrund ausrutschte und mich bäuchlings hinlegte. Jetzt war ich nicht nur zerstochen, sondern auch noch dreckig. Super!

Während des Marschs am Xini Watchtower vorbei zur Xini Bay trocknete ich ein wenig, sodass man die gröbsten Brocken abbröseln konnte. Wenigstens das.

Wir setzten uns schließlich an einer der bunten Tische, bestellten Getränke und freuten uns unseres Lebens, als es sich innerhalb kürzester Zeit bezog. Das sah nach Regen aus. Verdammt! Wir brachten uns und die Getränke in Sicherheit und warteten.

Es regnete kurz – und so flott wie es gekommen war, zog das niedliche Unwetter wieder weiter.  Ausgezeichnet! Gestärkt machten wir uns auf den Rückweg zum Auto. Diesmal nahmen wir den Fahrweg, da die Strecke an der Küste entlang einmal pro Tag reichte. Das war deutlich zu rutschig und aufgeweicht.

Der Weg führte zwischen Bauernhöfen und dem Fort Chambray entlang. Wir fanden das Auto unversehrt auf dem mittlerweile deutlich leereren Parkplatz vor. Man konnte sogar wenden!

Als ich meinen Fuß aus dem Schuh zog stand fest, dass wir noch eine Apotheke würden aufsuchen müssen. Bei den „Gozo Chemists“ in Xewkija wurde uns geholfen. Die nette Frau stattete mich mit einer Tube 1%iger Cortison-Crème aus. Mit Tony’s Kinderkram war da nix mehr zu wollen. Und mein Gel war mittlerweile auch aufgebraucht.

Nach einer kurzen Pause in der Wohnung inklusive Verteilung der Crème an allen relevanten Stellen, war ich wieder bereit zur Nahrungsaufnahme. Das von Italienern aus der Toscana betriebene Piùtrentanove war genau richtig. Wir aßen zwei wirklich ausgezeichnete Pizzen – eine mit Salsiccia, Tomatensauce und Mozzarella und eine mit Prosciutto Crudo, Tomatensauce, Cocktailtomaten, Gorgonzola und Mozzarella. Perfekt, wenn man eigentlich schon jeden Lebensmut verloren hat.

Der Limoncello aufs Haus wappnete uns für den Heimweg. Und mich für die bevorstehende Itchy-and-Scratchy-Night. Das Leben ist nicht fair. Aber solange es Limoncello gibt, kann man es vielleicht ertragen. Vielleicht.

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