Westlicher geht’s nicht: Flores & Corvo

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Unsere vorletzte Urlaubsstation war Flores, die westlichste Insel des Archipels. Es liegt eigentlich schon auf der amerikanischen Kontinentalplatte und driftet Jahr für Jahr einige Zentimeter weiter von der Zentralgruppe weg. Zusammen mit Corvo natürlich.

Nach Flores bietet die SATA Direktflüge nur von Ponta Delgada auf São Miguel und von Horta auf Faial an. Wir nahmen also von Pico erstmal nach Faial die Fähre, um dann weiter nach Flores zu fliegen.

Wie wir bereits im vergangenen Jahr feststellen durften, gibt es ein „Peter Café Sport“ im Flughafen von Horta. Und das war unser perfider Plan: Die Koffer wurden gleich bis Flores eingecheckt, sodass wir uns knapp zwei Stunden im Flughafen herumtreiben konnten. Und was macht man da um zehn Uhr morgens? Genau! Gin-Tonic trinken. Auf die Tageszeit konnten wir in diesem Fall keine Rücksicht nehmen.

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Nachdem wir jeweils zwei Erfrischungsgetränke auf der Sonnenterrasse mit Blick auf die Start- und Landebahn zu uns genommen hatten, war der Weiterflug – zumindest für mich – deutlich weniger furchteinflößend. Hicks!

Geschmeidigen Schrittes wurde die Q400 erreicht, die uns nach Flores brachte. Was für ein stressfreier Flug! So kann man das durchaus aushalten. Leider gibt es nicht an jedem Flughafen ein „Peter Café Sport“, in dem zwingend Gin-Tonic getrunken werden MUSS.

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Flores selbst gefiel uns gleich von Anfang an. Noch grüner, noch blumiger – und der Himmel irgendwie noch ein bißchen blauer. Wir steuerten den westlichsten Ort Europas, Fajã Grande, an, von dem aus eine Sackgasse zu unserem kurzfristigen Zuhause in Ponta da Fajã führte. Hinter dem Ort endet die Straße. Das Ende der Welt sozusagen.

Das Häuschen war super und hatte einen hübschen Garten hinter dem Haus mit Blick auf die Wasserfälle an der Felswand hinter dem Ort. Die Küche war sehr geräumig, sodass ich erstmal meine wachsende Tomatenkernsammlung ausbreiten konnte.

Unser erster Weg führte uns nach dem Auspacken zurück nach Fajã Grande, wo es ein vielgelobtes kleines Restaurant geben sollte, das „Maresia“. Es war zwar noch geschlossen, aber wir konnten bereits einen Tisch für den Abend reservieren. Strrrike!   

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Anschließend machten wir uns in unserem KIA Rio (schon wieder…) auf den Weg zum Einkaufen. Nach vier geschlossenen Minimercados fuhren wir nach Santa Cruz das Flores, um im „Hiper“ am Flughafen das Nötigste zu besorgen. Alle paar Kilometer stellten wir dabei neue Mängel am KIA fest.

Wer auch immer das Ding vor uns gefahren hatte – und es hatte erst 20.000 Kilometer auf dem Tacho – er musste es brutalstmöglich malträtiert haben. Nie zuvor habe ich ein neues Auto gesehen, das so nachhaltig zu Tode gequält worden war. Das Getriebe war so fertig, dass auf den wenigen Streckenabschnitten auf Flores, auf denen man den vierten Gang hätte nutzen können, stets irgendwann der Gang rausflog und sich in den Leerlauf verabschiedete. Das arme Ding…

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Um den Rest des Tages noch zu nutzen, machten wir uns auf den Weg zu den Seen im Inselinneren. Will wer die Namen wissen? O.k.: Lagoa Branca, Lagoa Seca, Lagoa Negra, Lagoa Comprida, Lagoa Funda. Hihi…

Die Rundwanderung, deren letztes Stück an der Landstraße entlang führte, hätte uns dann allerdings fast unser junges Leben gekostet. Auf den letzten Metern kam uns einer der üblichen Jeeps entgegen, auf den man allerdings quaderförmige Heuballen geladen hatte, für die man hierzulande einen Traktoranhänger genommen hätte.

Das Ding kam auf uns zu. Wir standen erst wie erstarrt und flüchteten dann die Böschung hoch. Das MUSSTE kippen. Das ging gar nicht anders. Es raste an uns vorbei und bog um die nächste Ecke. Ich verfluchte mich, weil ich es nicht fotografiert hatte.

Als wir später mit dem Auto exakt auf der Fahrtroute des „Heuwägelchens“ entlang fuhren, stellten wir fest, DASS es gekippt war. Und zwar exakt hinter der Kurve, an der es uns passiert hatte. Die gesamte Fahrbahn lag voller Heu. Offensichtlich hatte man es aber geschafft, alles wieder aufzuladen und die Fahrt fortzusetzen. Unfassbar.

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Wir fuhren schließlich zu unserem reservierten Tisch im „Maresia“ und verbrachten einen der schönsten Abende des gesamten Urlaubs dort. Der Service war ausgesprochen angenehm, das Essen köstlich (das Beste, das wir auf den Azoren aufgetischt bekommen haben!), die Aussicht aufs Meer genial. Und schließlich tranken wir unseren Pico-Wein während des westlichsten Sonnenuntergangs Europas aus.

Ohne Übertreibung: ein perfekter Abend!

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Am nächsten Morgen fuhren wir nach Santa Cruz, um zwei Plätze auf der Corvo-Fähre zu ergattern. Das war nicht einfach, denn erstens war die Fähre übers komplette kommende Wochenende ausgebucht, da auf Corvo die extrem wichtigen Festivitäten zu Mariä Himmelfahrt anstanden, und zweitens wurden wir derartig gründlich legitimiert, dass wir fast vermuteten, die Anforderung von polizeilichen Führungszeugnissen sei vor der Überfahrt erforderlich.

Schließlich erhielten wir Tickets für zwei Plätze am kommenden Tag. Leider war die erste Fähre bereits ausgebucht, sodass wir die zweite nehmen mussten, was die Zeit unseres Aufenthalts stark verkürzte. Zum Krater hochlaufen käme nicht in Frage. Recherchen ergaben, dass es auf Corvo ein Taxi gab, das zur Ankunftszeit der Fähre immer im Hafen stünde. Man durfte gespannt sein…

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Nachdem wir das Büro der Fährgesellschaft, dessen Grundfläche die der Fähre etwa um das Vierfache übertraf, verlassen hatten, trafen wir zufällig in Santa Cruz einen wirklich genialen Taxifahrer. Er sprach perfektes Englisch, war ausgesprochen nett und fragte uns, ob er uns irgendwo hinbringen könne.

Das traf sich perfekt, brauchten wir doch ein Taxi für die bevorstehende Wanderung. Wir verabredeten uns in einer Stunde vor unserer Unterkunft, damit er uns zum Ausgangspunkt unserer Wanderung bringen könne.

César Augusto Fonseca holte uns gutgelaunt und pünktlich direkt vor der Haustür ab. Er erzählte auf dem Weg nach Lajedo viele interessante Dinge über die Insel und ihre Bewohner, über die Geschichte unseres Wanderwegs und war auch so eine echte Wohltat. Riesenempfehlung!

Falls jemand einmal eine Rundfahrt über die Insel unternehmen möchte und einen freundlichen und kompetenten Taxifahrer braucht, so ist er definitiv die richtige Wahl. Im Gegensatz zu dem schlecht gelaunten Großtaxifahrer, der uns auf unserer Wanderung begegnete, und der – während er missmutig zwei Touristen an einem Miradouro absetzte – seinen Müll aus dem Taxi mitten ins Naturschutzgebiet warf.

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Von Lajedo aus führte uns unser Weg über Mosteiro, Caldeira, Fajãzinha und Fajã Grande zurück nach Ponta da Fajã. Genauso empfehlenswert wie der Taxifahrer war die Wanderung. In Mosteiro gab es einige „Vende-Se“-Häuser. Ich war kurz davor, den gesamten Ort aufzukaufen. Ganz toll!

Caldeira ist ein „Geisterdorf“, dessen letzte Bewohner 1992 weggezogen waren. Jetzt gewinnt mal wieder die Girlandenblume den botanischen Kampf und wuchert praktisch den ganzen Ort und die verlassenen Häuser zu.

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Als wir schließlich „zu Hause“ eintrafen, gab es mal wieder ein selbstgekochtes, tomatiges Abendessen, nach dessen Abschluss eine Horde hungriger Katzen bettelnd unseren Garten überfiel.

Am Ende mussten sie sich mit in Sahne eingeweichten Keksen begnügen und erklären lassen, dass wir sie keinesfalls im Haus dulden würden. Etliche Versuche hineinzugelangen wurden brutal vereitelt.

In dieser Nacht fiel uns zum ersten Mal auf, wie besch***en die Matratze war. Zu kurz, zu schmal und zu alt. Wirklich das einzige Manko am Haus – aber ein nicht zu Unterschätzendes…

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Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Fähranleger, um nach Corvo überzusetzen. Die „Fähre“ Ariel entsprach dann nicht ganz dem, was wir uns bislang unter einer Fähre vorgestellt hatten. Sie bot Platz für zwölf Personen plus Kapitän und Skipper, der exakt aussah wie Eusébio.

Außer uns waren noch drei Touristen an Bord: ein Schweizer Ehepaar und ein alleinreisender Chinese, der perfektes Portugiesisch beherrschte und außergewöhntlich kontaktfreudig war. Tao, so hieß er, organisierte dann irgendwie alles weitere. Er besorgte ein Taxi, das uns zum Vulkan herauffahren und anschließend wieder zur Fähre bringen würde. Er unterhielt sich mit allerlei Menschen unterwegs. Und er stapfte schließlich in Badeschläppchen mit uns Richtung Krater.   

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Der „Caldeirão“ ist bereits beim ersten Anblick atemberaubend. Wir hatten allerdings auch das unglaubliche Glück, einen echten Schönwettertag erwischt zu haben. Bei unserer Abfahrt bezog es sich bereits wieder und von Flores aus lag Corvo bis zu unserer Abreise drei Tage später in Wolken.

Zu fünft stiegen wir in den Krater ab. Der einzige, der es sich am Ende zutraute, den Rundweg um die Kraterseen in der Kürze der Zeit zu schaffen, war der Gatte. Wir anderen machten Fotos, beobachteten Kühe und staunten einfach nur.

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Tao ließ sich unzählige Male mit ausgebreiteten Armen vor dem Krater fotografieren. Ich wechselte alle zehn Minuten das Objektiv und war völlig fasziniert. Die Schweizer wanderten umher.

Außer uns war allerdings eine weitere Wandergruppe unterwegs. Der Gatte begegnete ihnen auf halbem Weg um die Seen. Ich traf sie beim Aufstieg. Und was vernahm ich da?! Sächsisch! Gut… Das „Rammstein“-Shirt hätte mir eigentlich bereits Warnung genug sein sollen…

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Sie saßen dann auch im Anschluss noch im Café im Hafen, bestellten „Expresso“ und Eis, über dessen herausragende Qualität sie sich lautstark in breitestem Sächsisch wunderten (es handelte sich übrigens um ein Produkt der Firma „Nestlé“, das sicher auch in Dunkeldeutschland vertrieben wird…) und suchten sich einen Platz, an dem sie einen „Überblick“ haben würden. Jaaaaa… Nuuuuun…

Am Ende mussten wir nicht die Fähre mit ihnen teilen, sondern bewunderten sie beim Besteigen eines kleinen Motorboots, das sie – offensichtlich sehr zum Leidwesen ihres etwas mißmutigen „Wikinger Tours“-Reiseleiters – nicht auf offener See versenken sondern zurück nach Flores bringen würde. 

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Lustig übrigens die Info, dass es die EU mehr kostet, die Schule und die Verwaltung auf Corvo aufrecht zu erhalten, als sämtliche Einwohner auf Lebenszeit im besten Hotel Lissabons unterzubringen. Da mag ich die EU ja irgendwie wieder. Sowas muss einfach drin sein. Nett auch, dass der mächtigste Finanzminister der Welt davon nichts, aber auch gar nichts haben wird. Er käme nicht mal ohne fremde Hilfe die Treppe vom Hafen hoch. O.k. – das war böse. Aber egal! Vielleicht finden das ja wenigstens die Griechen witzig.

Das erste Telefongespräch von Corvo aus wurde übrigens 1973 geführt. 1975 kauften sich auf Flores die ersten 100 Familien ein Fernsehgerät. Leider umsonst, da das Signal von Terceira aus im Westen zu schwach war. Erst zur Fußball-WM 1986 änderte sich das. Bis dahin gab es auf der Insel auch immer noch Menschen, die noch nie in ihrem Leben Schuhe getragen hatten.

Sooo lange ist das alles ja nicht mal her. Man mag es kaum glauben, wo man doch heute auf Corvo hervorragenden Maschinencafe und perfekt gekühltes Sagres trinken kann.   

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Dank der Einnahme von Medikamenten, um die Überfahrt mit der „Ariel“ zu überstehen, ohne die Fische zu füttern, fiel der Gatte nach unserer Rückkehr ins Haus auf Flores in ein reisetabletteninduziertes Wachkoma. Aber da war der Tag ohnehin zu Ende – und wahrscheinlich erleichterte es ihm die Nacht auf der grausamen Matratze.

Am kommenden Tag war wieder eine Küstenwanderung geplant. Mir graute es bereits am Morgen. Wir beschlossen, dass ich nur die Hälfte des Weges absolvieren würde, dann zum Auto zurück liefe und es nach Hause brachte, während der Chef später nach vollendeter Streckenwanderung dort zu Fuß eintreffen würde.

Als wir am Ausgangspunkt der Strecke ankamen, stellte ich fest, dass sich in den Wanderschuhen im Kofferraum keine Socken befanden. Ich hatte sie vergessen… Den Weg in Crocs oder in sockenlosen Wanderschuhen anzugehen, war keine gute Idee. Ich fuhr also das Auto wieder zurück und der Gatte nahm alleine die Wanderung in Angriff.

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Auf dem Weg von Ponta Delgada das Flores nach Ponta da Fajã begegneten ihm dann wieder unsere sächsischen Freunde. Allerdings in Gegenrichtung. Der Reiseleiter hatte die unangenehmere Variante mit dem brutalen Anstieg gleich zu Anfang gewählt.

Und währenddessen lag ich mit einem Buch im Garten des Häuschens, lauschte dem Rauschen der Wasserfälle und ließ es mir gut gehen. Sooo schlecht war der Tag nun auch wieder nicht. Gar nicht so schlimm, wenn man mal seine Socken vergisst…

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Nach der Rückkehr des tapferen Alleinwanderers begaben wir uns zum Poço do Bacalhau, einem kleinen See unterhalb eines Wasserfalls, in dem man baden konnte. Ich kniff abermals. Der Anblick eines fast erfrierenden Kindes im Wasser genügte mir. Der Gatte ließ sich trotzdem zu Wasser.

Am Ablauf des Sees gibt es eine Reihe von Wassermühlen, die allerdings leider nicht mehr in Betrieb sind. Schade.   

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Bei der Küstenwanderung am nächsten Morgen wurde vor der Abfahrt kontrolliert, ob meine Socken im Kofferraum seien. Waren sie. Wir wollten zur Fajã de Lopo Vaz. Es ging steil hinunter auf einem alten Eselspfad – und hinterher dementsprechend wieder steil hinauf, aber das war es wert.

Der geplante Rundweg – oberhalb der Fajã hin, zum Meer runter, am Meer entlang zurück – war leider am Endpunkt total verwachsen. Ein Abstieg war ohne größere Risiken unmöglich. Wir liefen also oberhalb wieder zurück und gingen dann von dort aus an den Strand.

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Aufs Baden verzichteten wir trotz mitgebrachter Schwimmsachen, da die Brandung einfach zu heftig war. Als ich mit den Füßen ins Meer stieg und ein wenig herumplätscherte, erwischte mich eine Welle und durchweichte mich bis zur Hüfte. Das langte dann erstmal.

Wir lagen ein wenig am Strand herum, an dem beeindruckend viele Steinmännchen gebaut worden waren, bis meine Klamotten wieder abgetrocknet waren. Sehr schön dort. Wirklich!

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Die Schönheit des Weges erkannte ich erst beim Aufstieg. Erstens war das Wetter da deutlich besser und zweitens war ich da ja auch deutlich langsamer unterwegs. Besonders die Marienstatuen kurz vor dem Ende ergaben beim Aufstieg auch viel eher einen Sinn.

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Nachdem wir anschließend die Koffer gepackt hatten, fuhren wir zum „Maresia“, um dort unseren letzten Flores-Abend zu verbringen. Es gab Tomatensalat, Gambas, Thunfischsalat und Frischkäse mit Honig.

Und wir saßen erneut, bis die Sonne unterging. Traumhaft.

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Weniger traumhaft, dass der Gatte in unserer letzten Nacht irgendwann das Bett verlassen musste, weil er es auf der Drecksmatratze nicht mehr aushielt. Er verbrachte dann den Rest der Nacht auf dem Wohnzimmerboden mit einem uralten, ausgeklappten Zwergensofa unter sich.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter. In diesem Zusammenhang seien unbedingt die atemberaubend schönen Sitzgruppen am Flughafen von Flores erwähnt, in denen wir einen Cafe tranken, bevor es losging.

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Und das war es dann auch schon mit Flores. Vielleicht hat es mir doch ein gaaanz klein wenig besser gefallen als Graciosa. Aber nur ein ganz klein wenig.

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