Belsazar feiert Fassenacht

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert’s, da lärmt des Königs Tross.“

Luftschlagen… Luftballons… Bunte Girlanden in Herzform… Dazu hat man mich heute gezwungen. Ich musste – wie jedes Jahr – im Büro meinen Bildschirm mit Luftschlangen und Ballons schmücken und anschließend kletternderweise drei Girlanden an der Decke anbringen. Freiwillige gab es nicht und ich wirkte offenbar mal wieder am kletterwilligsten… Mir ist völlig unklar, wie dieser Eindruck entstehen konnte.
Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl. „

Morgen ist Weiberfassenacht. Da muss das so sein. Um 11:11 Uhr gibt es zum Dank dann die „Vorstands-Kreppel“. Wie jedes Jahr. Für jeden zwei Stück – einer gefüllt, einer ungefüllt. Auch wie jedes Jahr. Und zwei Drittel der Kollegen und Kolleginnen kommen in lustigen Kostümen zur Abeit. Und wie jedes Jahr bin ich eine der Spaßbremsen.
Die Knechte sassen in schimmernden Reih’n
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.
Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.“

Mit Fasching, Karneval, Fassenacht konnte ich mich noch nie anfreunden. Meinen einzigen Sitzungsbesuch brachte ich vor ca. 15 Jahren hinter mich. Und das auch nur auf Drängen von Tine, die das Ballett trainierte, dessen Kostüme ich im betreffenden Jahr genäht hatte. Ich tauge einfach nicht für Massenlustigkeit. Schlimm ist ja nicht nur das permanente Gefühl, fehl am Platze zu sein, sondern viel mehr das Gefühl, die Leute rechts und links und gegenüber auszubremsen. Ich kann nicht schunkeln, ich kann nicht gescheit klatschen und ich schaffe es nicht, gut gelaunt zu wirken, wenn es von mir erwartet wird. Kurz: Die Fassenacht wird mich nie kriegen.
Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.
Und blindlings reisst der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.
Und er brüstet sich frech und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.
(…)
Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.
Und er brüstet sich frech und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.“

Als ich in meine jetzige Wohnung gezogen bin – das ist jetzt fast genau 13 Jahre her – hatte ich nicht bedacht, dass ich dann mitten im Herz des Frohsinns zu Hause sein würde. Der erste „Neujahrsumzug der Garden“ brachte mich völlig aus dem Konzept. Stundenlang kommt man mit dem Auto nicht vorwärts oder rückwärts, weil man von sich formierenden Narrengruppen umgeben ist, die zu unchristlicher Zeit in voller Gardeuniform durch die Stadt zu ziehen beabsichtigen. Ziemlich gewöhnungsbedürftig…
„Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und ruft laut mit schäumendem Mund:
‚Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn –
Ich bin der König von Babylon!'“
An den „Tollen Tagen“ reißt das Chaos dann aber wirklich nicht mehr ab. An Weiberfassenacht geht es mit dem „Krachmacher-Umzug“ los. Gleichzeitig gibt es den offiziellen Frohsinns-Startschuss am Fastnachtsbrunnen auf dem Schillerplatz. Und dann gibt es kein Halten mehr. Samstag flaniert der „Kindermaskenzug“ am Haus vorbei, Sonntags folgt die „Parade der närrischen Garden“. Montags logischerweise der „Rosenmontagszug“. Dienstags folgt die „Kappenfahrt“. Und anschließend wird sie beerdigt, die Fassenacht. Und dann ist erstmal wieder Ruhe. Die nächste großräumige Verkehrssperrung ist erst an Muttertag für den „Gutenberg-Marathon“ zu erwarten.
„Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward’s heimlich im Busen bang.“
Das schlimmste ist eigentlich, dass am Rosenmontag bereits um 7 Uhr morgens die ersten Politessen mit Megaphon durch die Straßen turnen, um schläfrige und erschöpfte Fassenachter mit mindestens 2,1 Promille Restalkohol im Blut an ihre Autos zu treiben, die dem Rosenmontagszug im Weg herum stehen. Anschließend wird stundenlang abgeschleppt und megaphoniert, und schließlich kommen die Soundchecks von der Bühne, die alljährlich direkt unserem Haus gegenüber aufgebaut wird. Und aus deren Lautsprecherboxen quillt dann den ganzen Rest des Tages ein Horror-Schlager nach dem anderen. Den Toilettenwagen direkt in der Parkbucht gegenüber verschweige ich mal lieber… Vor zwei Jahren haben wir neue Fenster bekommen. Seitdem kann man sich während des Rosenmontagszugs in der Wohnung unterhalten ohne sich anzuschreien.
Auch ein Vorzug des Hauses im Hessischen: Keinerlei Garden werden sich alljährlich vor meinem Haus aufstellen. Strrrrrike!
„Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.“

Wo wir gerade beim Thema „Haus im Hessischen“ sind: Heute hatte ich ja meinen Ortstermin mit den Herren Planer & Ausführer. Klasse war es. Und es dauerte zwei Stunden. Und meine Füße starben gegen Ende fast ab, weil ich heute morgen blöderweise keinen Gedanken daran verschwendet hatte, meine Bürobekleidung entsprechend auszuwählen. Dumm gelaufen…
Wir arbeiteten Toms Liste ab, wir arbeiteten meine Liste ab, der Wolfitekt unterbrach zwischendurch mit Punkten, die ihm in den Sinn kamen. Und so arbeiteten wir uns durchs gesamte Haus. Von Zimmer zu Zimmer.
Fazit war letztendlich, dass unsere Arbeit im EG laut Bauleiter-Meinung qualitativ „10mal so gut“ ist wie die der Trockenbauer. Präzise: Es gibt Stellen im OG, die so definitiv nicht bleiben können. Dicke, fette Fugen, Versatzprobleme zwischen OSB und GK und das Hauptproblem ist, dass alle Steckdosenausschnitte der Trockenbauer genau einen Zentimeter zu groß für die Dosen des Elektrikers sind. Mit „Aufschäumen“ prinzipiell in den Griff zu bekommen, aber das kann ja nicht wirklich die Lösung sein.
Der Herr Tom beschriftete die Wände mit „Fehlermeldungen“ und Verbesserungsvorschlägen.
„Und sieh! und sieh! an weisser Wand
Das kam’s hervor, wie Menschenhand;
Und schrieb, und schrieb an weisser Wand
Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.“
Einige Probleme habe ich mir im Geiste bereits selbst unter den Nagel gerissen, um sie am Wochenende eigenhändig zu korrigieren, damit alles auch so ist, wie es sein soll. Es folgten längere Diskussionen über Dehnungsfugen im Estrich, Beplankungsfragen an Balken und Luftraum, Vorbauwände in den Bädern und die Vorbereitung für die Hausanschlüsse im Technikraum. Unlösbare Probleme gibt es nicht, aber die Trockenbauer werden einige ihrer Fehler in den nächsten Tagen beheben müssen. Einige beheben wir selbst. An manchen Stellen „staunt der Laie und der Fachmann wundert sich“. Nun denn…
„Der König stieren Blicks da sass,
Mit schlotternden Knien und totenblass.
Die Knechtschar sass kalt durchgraut,
Und sass gar still, gab keinen Laut.

Morgen ist verabredet, dass der Wolfitekt die Tiefbauer des Energieversorgers kontaktiert, um sie zum Arbeiten zu zwingen. Er versprach, „sich da reinzuhängen“… Mmmhhh… Wer ihn kennt, ahnt, wie das aussehen könnte.
„Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.
Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.“
    

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