Leidkultur…

Heute wurde mir so richtig bewusst, warum ich den Wiesbadener Nordfriedhof mag. Er ist sozusagen der Übergang vom bösen Alltag in die gute Freizeit. Eine echte Zäsur. Danke dafür, Nordfriedhof!

Wie immer stockender Verkehr auf den letzten Metern vor der Ampel.:. Nerv… Ampel grün – und ab dafür! Und exakt in dem Augenblick, als ich um die Kurve fuhr und den Nordfriedhof passierte, lehnte ich mich entspannt im Sitz zurück und irgendwie fiel die ganze blöde Woche, die sich trotz nur vier Arbeitstagen mindestens wie zehn Arbeitstage anfühlte, schlagartig von mir ab.

„There’s a problem, feathers, iron
Bargain buildings, weights and pulleys
Feathers hit the ground
Before the weight can leave the air
Buy the sky and sell the sky
And tell the sky, and tell the sky
Fall on me (what is it up in the air for)
Fall on me (if it’s there for long)
Fall on me (it’s over, it’s over me)“ – R.E.M. „Fall on me“

Und ab dafür! Rechts und links und vorne und hinten nur noch GRÜN. Alle Autofahrer um mich herum schienen sich ebenso merklich zu entspannen. Feierabend. Wochenende. Fertisch! Fall on me!

Zu Hause wird es derweil in meinem Zimmer etwas eng. Tomaten, Auberginen, Paprika und anderes Grünzeugs drängen sich vor dem Eckfenster, blühen teilweise und bilden lustig winzige Fruchtbabies aus. So langsam könnte sich mal die Nachtfrostgefahr verziehen, damit die Kleinen raus können. Bevor ich übrigens den Nordfriedhof passierte, machte ich noch einen kleinen Baumarktzwischenstop und schleppte Spenglerschrauben an. Morgen kommt das Dach wieder auf das kleine Tomatenhaus. Und da bleibt es dann bitte auch. Keine Ahnung, warum ausgerechnet die kleinere der beiden Polyesterwellbahnen immer bei Sturm den Abgang macht, aber es ist halt so.

Was auch leider in der vergangenen Woche „halt so“ war, ist die Tatsache, dass mein wunderschöner Rhabarberkuchen zur Hälfte von den Elstern verspeist wurde. Der Gatte war ziemlich erzürnt. Und das, obwohl die Elstern, die Rhabarberbahnen fein säuberlich abgelegt und sich ausschließlich auf den Verzehr von Boden und Füllung konzentriert hatten. Merke: Niemals mehr abends mal flott Kuchen in Folie verpackt auf der Terrasse deponieren, weil es ja eh kühl draußen ist. „Kühl“ reicht nicht. „Elsternsicher“ ist das Zauberwort!

Inhäusig gab es die ganze Woche über wechselnde Spargelgerichte. Zum Beispiel weißen Spargel mit Seeteufelsaltimbocca und Tomatenpappardelle mit den letzten Ofentomaten aus der letzten Saison. Jetzt echt. Sie sind alle. Verdammt!

Oder gestern zum Beispiel Aartalhofbratwurst mit grünem Spargel und Champignons. Musste ja schnell gehen. Donnerstag ist ja der „lange Tag“ mit später Heimkehr. Da tendiere ich in letzter Zeit gerne zu Bratwurst. Auch weil die hier so wahnsinnig lecker ist. Leider so lecker, dass wir für andere Bratwurst auf ewig versaut sind. Diverse Versuche endeten mit langen Gesichtern.

Und gehört „Bratwurst“ nicht eigentlich zur deutschen „Leitkultur“?! Ich frage das nur, weil ich mir mittlerweile nicht mehr ganz sicher bin. Thomas de Maizière hat mich total verwirrt. Mit seinen in der BamS veröffentlichten hochintellektuellen Thesen. „Thesen“… Allein das…

Wirklich traurig, dass ein Mensch, der von Philosophie und Kultur offensichtlich völlig unbeleckt ist, sich auf diese abscheuliche Art und Weise entblödet, leider – wahrscheinlich mehrheitsfähigen – Unsinn von sich zu geben, dass es einem die Zehennägel hochrollt. „Deutsche Leitkultur“?! Man möchte sich totlachen, wenn es nicht so traurig wäre…

„Wir sind nicht Burka“ ist der Originalbeitrag bei BamS überschrieben. Allein dafür schämt man sich schon in Grund und Boden. Den Artikel kann man nach wie vor online leider nur lesen, wenn man sowas wie ein BILD+-Abo hat. Hab‘ ich nicht. Logisch. Aber den ganzen Unsinn gibt es nochmals auf der Seite des Innenministeriums. Ohne reißerisch-nationalistische Überschrift, aber ansonsten identisch: „Leitkultur für Deutschland – was ist das eigentlich?“.

Man liest es – und kommt aus dem Staunen nicht heraus: „Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Deutschland hat großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe „gehören“ der ganzen Welt und waren Deutsche. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft.“

Zwischen dem „großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt“ und dem Wort „Deutsche“ muss man mal kurz durchatmen. Ich weiß wirklich nicht, wieviele „deutsche Dichter und Denker“ sich jetzt gerne aus ihren Gräbern erheben und Herrn de Maizière so richtig eins in die Acht geben würden. Und ich fürchte, es wären nicht wenige. Wie sagte Oscar Wilde – natürlich nicht Bestandteil der deutschen Leitkultur – so schön? „Disobedience, in the eyes of anyone who has read history, is man’s original virtue. It is through disobedience that progress has been made, through disobedience and through rebellion.“  Und so haben das vernünftigerweise auch die meisten der deutschen „Dichter und Denker“ gesehen. Spießige, miefige – und piefige! – „Leitkultur“ und „Religion“! Lazarus! Thomas! Nimm deinen Bams-Artikel und geh‘!

Witzig auch die „These“ zu „Leistung“. Wahnsinnig witzig sogar… „Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht.“

Ist es nicht so, dass genau das nur einen winzigen Bruchteil der Menschen in diesem Land „stark gemacht“ hat? Und auch nur diesen paar Menschen „Wohlstand“ gebracht hat?! Und absolut unerwarteterweise sind das genau NICHT die Menschen, die auch nur im entferntesten etwas dazu beigetragen haben, dieses hervorragende Land so hervorragend zu machen. Ich möchte Herrn de Maiziére dringend die unkommentierte Lektüre des neuen Armutsberichts an Herz legen. Scheint mir ja auch nicht so eine wahnsinnig sinnlose Lektüre für einen Innenminster zu sein.

Und last but not least: Viele Länder auf dieser Welt sind ähnlich kacke. Und in vielen Ländern dieser Welt haben viele Menschen an der Macht ähnlichen Unsinn von sich zu geben. Aaaaber… In vielen Ländern dieser Welt, in denen das so ist, ist das Wetter deutlich besser als in Deutschland. Man sollte also wirklich darüber nachdenken, ob man sich solchen Blödsinn nicht lieber in der Sonne durchlesen möchte. Am Meer. Dann könnte man wenigstens so tun, als ob man nichts versteht.

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