Maschendrahtzaun in the evening…

Am Freitag war es soweit. Ich fragte mich ernsthaft, ob ich jetzt eine von diesen widerlichen Spießerinnen geworden bin, die sich mit ihren Nachbarn anlegen. Ich schämte mich vor mir selbst. Ich hatte praktisch Schaum vorm Mund und den Sauzahn in der Hand – und ich war nicht bereit, Gefangene zu machen. Aber von vorne.

Mit Nachbarn ist es ja prinzipiell eher schwierig. Außer mit unseren Lieblingsnachbarn schräg gegenüber. Mit denen ist es einfach. Einfach gut nämlich.

Unser Grundstück grenzt an drei andere Grundstücke. Der Nachbar zur Rechten ist super. Man redet einfach miteinander – und keiner hat ein Problem. Damit war es das aber auch schon. Die Nachbarn zur Linken – die „Daltons“ für alle, die hier eventuell schon länger mitlesen – sind schwierig und anstrengend. Das Grundstück ist noch nicht bebaut, aber von einem Maschendrahtzaun umgeben. Und dahinter beginnt die No-go-Area. Als wir den Mutterboden verteilt haben, haben sie Fotos gemacht. Das sagt eigentlich schon alles. Wir haben die Revanche auf den Tag gelegt, an dem sie beginnen, das Grundstück zu bebauen. Wir sind jung. Wir können warten.

Das Hauptproblem bilden gerade die Nachbarn „unter“ uns. Auch sie fanden hier bereits mehrmals Erwähnung. Das lief ja insgesamt in den letzten fast exakt drei Jahren von „Juhuuu! Die neuen Nachbarn sind super!“ (man ist ja grundsätzlich erstmal positiv eingestellt) bis hin zu „Ich töte sie, jetzt töte ich sie gleich“.

Aber jetzt mal von Anfang an. Am 1. Mai vor drei Jahren klingelten sie zum ersten Mal. Wir fanden sie nett, sie wollten nur eineinhalbgeschossig bauen – alles bestens! Sie klingelten, weil sie eine Bitte hatten. Und so begann das Elend.

Die Bitte lautete, dass sie ihr Grundstück – wir haben hier Hanglage – komplett auf Straßenniveau bringen möchten. Zu diesem Behülfe würden sie gerne den von uns ordnungsgemäß abgeböschten Hang kurz abtragen, eine Mauer auf die Grenze bauen und unser Grundstück dann wieder auffüllen. Klang akzeptabel, wir stimmten zu. Sie baggerten weg, bauten eine Mauer, die nur etwa bis zur Hälfte der Höhe geht und füllten dann exakt gar nix mehr auf, Endergebnis: Unsere etwa zwei Meter Grundstücksbreite hinter der Hecke waren nicht mehr begehbar, weil zu steil. Danke auch.

Wir waren genervt. Wir fanden uns damit ab. Keine Ahnung, wie wir von nun an unsere Hecke schneiden sollten. Sie boten „großzügig“ an, das von ihrer Seite aus zu erledigen. Klang erträglich. Wir fügten uns in die Landnahme.

Kurz danach klingelte es wieder. Man wolle unser Grundstück hinter der Hecke bepflanzen. Das wäre hübscher. Für wen nochmal? Egal. Wir dachten, dass uns das ja irgendwie weder schaden noch nutzen würde und stimmten zu. Ab diesem Zeitpunkt gingen die Diskussionen hinter der Hecke erst richtig los. Permanent wurde lauthals gemeckert: „Die Hecke wirft Schatten auf die Bodendecker“ oder „Die Hecke ist zu hoch. Das wächst so nicht“ oder „Die Hecke muss dringend geschnitten werden“. Und das jeweils während des kompletten Frühjahrs. Und – ich sage es sehr zögernd – in sächsisch. Ich begann mich schuldig zu fühlen wegen der Hecke. Ich konnte praktisch das Wort „Hecke“ schon nicht mehr hören, ohne unmittelbar danach einen Beichtstuhl aufzusuchen. „In Demut und Reue bekenne ich meine Hecken-Sünden. Gott sei mir Sünder gnädig.“ Kotz!

Unser (!) Grundstück wurde also liebevoll bepflanzt. Als wir irgendwann heimlich nachschauten, um uns einen Eindruck von der Bepflanzung zu verschaffen, war alles mit Vlies abgedeckt, gemulcht und mit einer Bewässerungsanlage ausgestattet. Wir staunten. Irgendwie hatten wir in unserer kindlichen Naivität mit ein paar Polsterphloxen gerechnet. Stupid us!

Wir fassen zusammen: Wir hatten auf unserem Grundstück für Sichtschutz gesorgt und eineinhalb bis zwei Meter Abstand zur Grenze eingehalten. Wir dachten damals, dass es dann nicht schlimm sei, wenn die Hecke etwas dichter wüchse. Weit gefehlt! Vorletztes Wochenende wurde der Gatte gefragt, wie hoch wir denn die Hecke haben wollten. Man wolle schneiden. Der Gatte machte gute Mine zum bösen Spiel und meinte, Oberkante Tomatenbeete sei o.k. Über die Dicke der Hecke wurde nicht gesprochen. Wir gingen davon aus, dass alles, was auf unserem Grundstück wächst, so bleibt, wie es ist. „Stupid us!“ zum zweiten.

Freitag kehrte ich bereits im Vorfeld total entnervt aus dem Büro nach Hause zurück. Erst nach zehnminütigen Rangieren konnte ich das Auto (einen Kleinwagen wohlgemerkt!) im Carport abstellen. Die Nachbarn gegenüber hatten ihrem Gartenbauer erlaubt, uns komplett zuzuparken. Ich war gereizt, aber egal. War ja jetzt Wochenende!

Als ich die Terrasse betrat, traf mich dann der Schlag. Die Hecke war teilweise bis auf einen Meter heruntergeschnitten. Und man konnte eine Zeitung lesen, die jemand auf der anderen Seite dagegen halten würde. Am Ende gar eine „BLÖD“! Ich atmete tief durch. Sehr tief. Mehrmals. Und ich war erstmal froh, dass bei dieser Kamikazeaktion der Weinbergpfirsich keinen Schaden genommen hatte.

Ich besprach mich kurz mit dem abwesenden Gatten. Er empfahl mir, eine zweite Meinung einzuholen. Ich bat die Lieblingsnachbarin, sich das mal anzuschauen. Sie wurde blass. Wir beschlossen, auf die Heimkehr ihres Gatten zu warten, um eine dritte Meinung einzuholen. Zumal dieser äußerst besonnen, neutral und zudem ein Mann ist. Vielleicht reagierten wir Frauen ja auch etwas über. Wir warteten und tranken einen Wein.

Als er es sah, verstand er, was wir meinten. Wir stiegen durch die Hecke, um uns den Rest unseres Grundstücks anzuschauen. Unfassbar. In diesem Augenblick kehrten die Heckenschänder nach Hause zurück. Freudestrahlend kam uns das männliche Exemplar entgegen und fragte mit stolzgeschwelleter Brust, wie wir den Heckenschnitt denn fänden.

Ich überlegte kurz, die Sache auf bis nach der Rückkehr des Gatten zu verschieben, explodierte dann leider aber. Der Lieblingsnachbar betätigte sich als Mediator, aber ich schäumte. Ich schäumte und geiferte. Ich kenne mich so gar nicht, aber da hatte sich offenbar zuviel aufgestaut. Immerhin hat das dann ein für allemal die Fronten geklärt. Seit gestern erwägen wir die Optionen. Und wir haben uns entschieden: Wir werden die Hecke entfernen. Und unser Grundstück zurückerobern. Basta!

Und wenn ich dann einfach eine endlose Reihe von Hochbeeten an die Grenze stelle, ist das auch o.k. für uns. Wir haben dann ja etwa 40 Quadratmeter mehr dafür zur Verfügung. Was ich da alles pflanzen kann! Und wenn sie mich und meine Hochbeete nicht sehen wollen, können sie ja gerne auf ihrem Grundstück eine Hecke pflanzen. Harhar! Diabolisches Lachen!

Im Anschluss an meine Eruption brauchte ich eine Pizza. Dringend. Aufgrund einer Fügung glücklicher Umstände hatte ich bereits am Vorabend Teig angesetzt. Manchmal läuft es einfach.

Zur Begrüßung des aus Rom zurückkehrenden Gatten gab es dann gestern gleich wieder Pizza. Pizza hat eine therapeutische Wirkung. Soviel steht fest. Unmittelbar nach einer Pizza kann man auch „Erwachsene“, die von sich selbst in der dritten Person mit einem Kleinkind sprechen („Guck mal, was der Papa da macht…“) – und das durch eine hauchdünne Hecke – einigermaßen ertragen. Einigermaßen.

Und da ich heute immer noch ein wenig „Weapon of Choice“-mäßig gestimmt war, jätete ich Löwenzahn. Und sammelte die Blüten. Und zupfte sie alle aus den Blütenkörbchen heraus. Jedes einzelne! Nehmt dies, ihr Schweine! Restaggression. Sach‘ ich doch.

Vor sechs Jahren hatte ich das Rezept für den Löwenzahnhonig bereits gepostet, aber es soll auf keinen Fall sang- und klanglos untergehen. Bislang hatte ich immer noch das ein oder andere Glas im Vorrat. Aber jetzt gehen meine Vorräte so langsam zur Neige.

Löwenzahnhonig

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Zutaten

  • 300 g Löwenzahn-Blütenblätter (Nettgewicht des Gelben nach Abzug des Grünen)
  • 1 Tütchen Zitronensäure
  • 1 l Wasser
  • 3 kg Zucker

Zubereitung

  • Löwenzahnblüten sammeln, die Blütenblätter abzupfen - also praktisch "Gelb ins Kröpfchen, grün ins Töpfchen" oder andersrum 😀
  • Blütenblätter mit der Zitronensäure und dem Wasser aufkochen und etwa eine halbe Stunde köcheln lassen. Durch ein Passiertuch geben.
  • Den Sud in einen hohen Topf geben, mit dem Zucker auffüllen und nochmals etwa 45 Minuten köcheln lassen. Gläser derweil sterilisieren und den Honig in die noch heißen Gläser einfüllen und sofort verschrauben.
  • Gläser abkühlen lassen.

Ich habe aus einem Drittel der Menge etwa sechs Gläschen bekommen. Das passt erstmal.

Etwa 48 Stunden nach meinem unfassbaren Ausbruch kann ich jetzt auch wieder an Spargel denken. Und an Bärlauch. Und ein Lachs schwimmt unendlich sanft durchs Bild. Hach. Ich bin nicht böse. Also nicht wirklich. Man darf mich einfach nur nicht jahrelang reizen. Wenn man das nicht tut, geht’s. Dann bin ich freundlich. Also normalerweise.

Themenwechsel: Das Grün des Meerrettichs kann man doch essen, oder? Ich dachte an eine Art Würzpaste, nachdem das gerade im Kräuterbeet explodiert ohne Ende. Weiß das jemand?

2 Kommentare

  1. Also, wenn man das Grün des Wasabi essen kann, dann kann man das Grün des Meerrettichs bestimmt auch essen.
    Soviel zu Punkt 2. Jetzt zur Hecke und so. Ich bin ein friedliebender, harmoniesüchtiger Mensch, der in einem Reihenmittelhaus lebt. Ich hätte alles so gemacht wie du, und dann wäre ich am Wochenende genauso explodiert. Man kann ja gutmütig sein. Aber irgendwann ist Schluß; wobei es dann vermutlich schon zu spät ist und keiner mehr die Explosion kapiert…

    1. So isses. Die Heftigkeit des Ausbruchs rührt halt von drei Jahre dauerndem Runterschlucken her. Dann ist der Druck halt entsprechend. Bin immer noch entsetzt über mich 😀 Was soll’s. Vielleicht wirkt Meerrettichgrün ja beruhigend 😀

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