Nach der leidvollen Erfahrung mit dem verschwundenen Richtbaum beschloss ich, heute vorsichtshalber zu checken, ob denn das Haus noch da ist. Und – Überraschung! – es ist noch da. Und zwar völlig unverändert zu vergangenem Sonntag. Offensichtlich bin ich durch den schnellen Fortschritt in der Richtwoche versaut und erwarte einfach zuviel…
Gut. Dann eben Abendfreizeit nutzen, um sich mal im www zu informieren, wie man mit Rigips- und OSB-Platten umgeht, die stapelweise im Haus gelagert und zu originellen ersatzmöbelartigen Kompositionen zusammengefügt sind. Muss ja irgendwo leicht verständliche Informationen geben, was damit nun anzustellen ist und was welche groben Fehler man am besten vermeiden sollte.
Im Bauexpertenforum werde ich gleich fündig. Stefan77, seines Zeichens Elektriker, erkundigt sich nach der Montage von Rigipsplatten. Die Antworten verwirren mich allerdings stärker als die Frage. Zimmermeister daiku antwortet „Kein Fugenband am Anschluss Platte-Wand, nur Acryl!“, woraufhin Trockenbaumeister gipser ca. sechs Stunden später offensichtlich völlig entsetzt einwirft: „Bloß kein Acryl! Sieht meist unsauber aus und reißt unkontrolliert ab!“ Oops! Gut, dass Stefan77 zwischen den beiden Postings nicht gleich losgelegt hat. Dann würde jetzt irgendwie alles ‚unkontrolliert abreißen‘. Nochmal Glück gehabt!
Detaillierte Arbeitsanleitungen gibt es viele, verstehen werde ich sie so jedoch nicht. Macht nix! Tom der Baumeister soll uns ja sowieso am Mittwoch anleiten. Also einfach so noch ein wenig rumgoogeln und sich am Leid ebenfalls vom Bauschicksal Betroffener weiden…
Zum Thema „Eigenleistung beim Hausbau“ stoße ich auf einen lustigen Thread bei Energiesparhaus. Der offensichtlich etwas traumatisierte und verwirrte Häuslebauer yeahright (!) kippt locker-flockig ca. eine Million Fragen in die Runde der potentiell Erklärwilligen: „Wie macht ihr das zeitlich? (…) Wie lässt sich das mit sonstigem Sozialleben vereinbaren? (…) Wenn viele Freunde am Bau helfen, dann muss man sich wahrscheinlich revanchieren, wenn die Freunde selbst bauen – ist man dann zehn Jahre lang nur mit Hausbauen bei sich und Freunden beschäftigt? (…) Wie geht das mit dem ganzen Fachwissen, das man da noch braucht? (…) Sonst hat man doch am Ende ein Haus voller Bauschäden, oder?“ Nach ein paar mehr oder weniger hilfreichen Einlassungen, kommt die Top-Antwort von cc9966  zum Thema „Sozialkontakte“: „Die Kontakte zu Freunden kommen nicht zu kurz, da ich sie auf der Baustelle einspanne.“ Gut der Mann! Mit solchen Freunden braucht man wenigstens keine Feinde mehr.
User acqua hingegen weckt Mitgefühl: „Wir hatten beide in dieser Zeit sicher um die drei Monate Urlaub, den wir komplett auf der Baustelle verbracht haben. Wir sind in diesen 14 Monaten nicht weggefahren, es war schwierig, eine Familienfeierlichkeit unterzubringen. Der eigene runde Geburtstag wurde nicht gefeiert. Haben jedes Wochenende gearbeitet. Ein Sozialleben hat so gut wie gar nicht stattgefunden.“ Wie schrecklich! Andererseits: vielleicht doch lieber keine Freunde, wenn man den Ausführungen von Noldmann Glauben schenken mag: „Wenn Freunde mithelfen, vergiss auf keinen Fall, dass das auch eine ganze Stange Geld kostet. Schließlich essen und trinken die bei der Arbeit sehr viel.“ Verdammte Freunde! Wenn einen der Bau nicht schon ruiniert hätte, würden sie einen wahrscheinlich für ein Wurstbrot ausbluten lassen.
Weit gebracht haben mich meine bisherigen Recherchen eher nicht. Im Gegenteil: Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob ich noch Freunde haben will. Und falls doch, ob sie nicht sowieso „unkontrolliert abreißen“, wenn sie nichts zu essen bekommen.

„Im Reich der Sinne“, „Harmonische Kontraste“, „Ideen für die neue Freude am Wohnen“, „Gartenträume“ – alles vollmundige Versprechungen aus den 16,3 Kilogramm Hochglanz-Altpapier, die sich auf meinem Küchentisch angestaut haben (und das ist nur das, was auf dem Küchentisch liegt…).
Offensichtlich ist im Bereich „Nepper, Schlepper, Bauern… ääähhh… Bauherrenfänger“ kein Papier hochwertig, keine Beschreibung schwülstig und keine Formulierung pseudo-pfiffig genug.
Was bringt einen Marketingmenschen dazu, sein Pflastersteinsortiment ausgerechnet Terra Venetiana zu nennen und die Beschreibung mit den Worten „Venedig. Inspiriert vom Zauber dieser Stadt.“ zu beginnen? Klar! Bei Venedig assoziiert man natürlich sofort breite, gepflasterte Einkaufsmeilen. Ob es viele Städte mit weniger Straßenpflaster gibt? Warum nicht gleich auch noch den Rollrasen „Sahara“ oder Klettertouren in der Po-Ebene mit ins Programm packen?
Sehr schön auch folgende Formulierung aus dem Prospekt eines namhaften Möbelherstellers: „Massivholzmöbel und hohe Handwerklichkeit auf der einen Seite – pfiffige Funktionen, moderner Look und spannender Materialmix auf der anderen? In ‚Alana‘ steckt alles. Ob Sie sich schöne Einzelmöbel aus diesem hochwertigen Programm aussuchen oder gleich ganze Funktionswände zusammenstellen: Es hängt nur davon ab, wieviel Geschirr, Kochbücher etc. Sie unterbringen müssen. Denn ‚Alana‘ setzt Ihnen keine Grenzen.“
Schön, dass wenigstens ‚Alana‘ mir keine Grenzen setzt. Blöderweise setzt mein Geldbeutel aber ‚Alana‘ Grenzen. Weiterhin: Was bitte ist „hohe Handwerklichkeit“? „Handwerklichkeit“ selbst kommt als Wort nicht mal im Duden vor! Was ist das Gegenteil? Niedrige Handwerklichkeit? Tiefe Handwerklichkeit? Witzig!
Ob die Formulierung „Sanitärkeramik. Extrem belastbar und dauerhaft schön. In ihr steckt mehr als man von außen sehen kann.“ wirklich in die vom Hersteller beabsichtigte Richtung geht oder ob der Werbetexter ein echter Scherzkeks war – man weiß es nicht. Immerhin erinnert sie einen daran, doch lieber zukünftig darauf zu achten, dass der Klodeckel auch wirklich geschlossen ist.
Fast brutal mutet folgender Werbetext an: Erst wird der Kunde mit allerlei fast hypnotisierenden Worten in eine herrliche Sommertraumwelt gelockt („Farbig – fröhlich – frisch! Drei Küchenvorschläge, die nicht nur durch ihre außergewöhnliche, unkonventionelle Küchenarchitektur brillieren, sondern auch die Sonne des Südens und alle damit verbundenen Erinnerungen ins Haus bringen.“), um ihn dann erst mit den Unzulänglichkeiten seiner Räumlichkeiten zu konfrontieren und anschließend mit Beratung zu bedrohen: „Was die Planung speziell unter Dachschrägen, Erkern und Nischen (Anm.: „unter Nischen“? Wie das?!) betrifft, sind Sie mit unserem Küchensystem ebenfalls auf der Sonnenseite. Ihr Küchenspezialist berät Sie hierzu gerne.“ Grmpf! Da ist man doch gleich versucht, mit „Ooooch nööö. Geht schon. Ich will mich nur mal umschauen.“ zu antworten.
Im Abschnitt „Luxus & nochmal Luxus“, der sich offenbar an den betuchteren Einrichtungswilligen wendet, erfährt man folgendes: „Die Schubkastenunterteile – hier in edler Eiche anthrazit – folgen der grifflosen Philosophie von ‚Purion‘. Wer sie antippt, erlebt puren Luxus. Kurz mit dem Finger berührt, öffnet die Push-to-open-Technik eine geräumige Schublade. Kann man das noch steigern?“ Waaaahnsinn! Wenn man das Schubkastenunterteil antippt, öffnet sich die Schublade. Unglaublich! Das wäre wirklich nur zu toppen, wenn sich durch Berühren der Klinke eine Tür öffnen ließe! Luxus! Purer Luxus! Das sollte wirklich den Kastenoberteilen… falsch! … den Oberkasten-Teilen vorbehalten bleiben.
So. Altpapier wartet. Morgen wird geleert.

Offensichtlich hatte der Herr Wolfitekt gestern abend oder heute morgen bereits Tom, the Builder darüber aufgeklärt, dass die neueste Kostenrechnung so niemals zumutbar sei. Mehrkosten soweit das Auge reicht! Kostenexplosionen im Tiefbau, im Sanitärbereich und bei diversen Kleinigkeiten! Grauenvoll! Entsetzlich!! Unerträglich!!!

Als der Bauherr schließlich ein „klärendes Gespräch“ mit MrYesWeCan! führte, war die Grundstimmung bereits eher verständnisvoll. Es gab etwas Entgegenkommen, ein paar Spartipps und in strittigen Fragen wurden günstige Alternativen angeboten. Größeres Einsparpotential gibt es wohl bei der Treppe (Mooooment! Das muss ich mir erst nochmal gaaaanz genau ansehen!), im Bereich der Eigenleistungen (sprich: Rigipsplatten montieren, Dämmstoff einbringen, OSB-Platten anbringen), in der Badplanung (hier wurde eine Neuberechnung mit der zuletzt auserwählten Ideal-Standard-Keramik und den entsprechenden Armaturen veranlasst und ein wenig Preisdruck ausgeübt) und an einigen anderen Stellen.
Letztendlich warten wir jetzt die neuen Angebote ab und treffen uns am kommenden Mittwoch auf der Baustelle. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Eigenleistungen diskutiert, die der Bauherr höchstselbst zu erbringen gedenkt. MmeFlax muss ja leider um Weihnachten und Silvester herum arbeiten und kann deshalb bedauerlicherweise nur an den Abenden zur Verfügung stehen. Dann jedoch hochmotiviert und vom Elend des Arbeitstags aufgeputscht und aggressiv wie ein Kampfhund. Da drehen sich die Schrauben wahrscheinlich vor Angst selbst in die Wand.
Nettestes Thema war heute jedoch die Sichtung diverser Tapetenmuster. Zumindest für mich. Ein wenig retro hier (z.B. Kücheninnenwand), etwas vintage dort (z.B. Sofaecke) – und der Bauherr war auf den Barrikaden. Die Preisangaben verschärften die Lage unnötig („Was?! Teurer als Fliesen?!?!“). Farbdiskussionen wurden sicherheitshalber nicht mehr geführt. Offensichtlich hilft hier nur die McGyver-Methode: langwierig-halblaute Überlegungen, einige Eingeständnisse in unwichtigen Fragen und im Finale dann mit einem hübschen Stück toten Tieres, ein paar Sättigungsbeilagen und einem Schweizer Offiziersmesser ein überraschend gutes Abendessen basteln.

Wer hat diesen Richtbaum gesehen?
Eigentlich hatten wir das Ding dem Wolfitekten versprochen. Bis heute morgen waren wir auch der Ansicht, dass dieser ihn bereits abgeholt habe. Als er sich jedoch in aller Unschuld beim Bauherren erkundigte, wann er den Baum denn haben könne, wurde uns schlagartig klar, dass es sich um einen Fall von schwerem Richtbaumdiebstahl handeln muss.
Möglicherweise wurde der Baum von dem Täter bzw. den Tätern perfiderweise als Weihnachtsbaum zweckentfremdet und mit Lametta, Lichterketten und anderem Schnick-Schnack unkenntlich gemacht.
Es handelt sich um eine klitzekleine, sauteure Nordmanntanne. Die Täter haben sie – möglicherweise im Schutz der Dunkelheit – aus der oberen Etage unseres Gerüsts entwendet und brutal verschleppt. Lösegeldforderungen gingen bisher nicht ein.
Die Kripo verfolgt mehrere Spuren, von denen sich jedoch bisher keine als brauchbar erwiesen hat. Um die Gesundheit des Richtbaums nicht zu gefährden, muss er dringend kühl gelagert und in einen Eimer Wasser gestellt werden.
Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich bei den Tätern möglicherweise um gefährliche „Offebäschäh Schwerverbräschäh“ handelt, die auch vor Gewaltanwendung und Waffengebrauch nicht zurückschrecken, wird um Vorsicht gebeten. Sprechen Sie die mutmaßlichen Täter auf keinen Fall an, sondern informieren Sie die Ordnungskräfte. Sachdienliche Hinweise nimmt die Soko „Richtbaum“ oder jede Polizeidienststelle entgegen. Für die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von zehn „Milka“-Nikoläusen (je 3mal ‚Kuhflecken‘ und ‚Vollmilch‘ und 4mal ‚Nuss‘) ausgesetzt worden.
 

Bei schönem Wetter starteten wir heute morgen gleich mal durch, um bauherrschaftlich nach dem rechten zu schauen. Der Bauherr wollte schließlich auch endlich selbst das Werk der Zimmerleute in Augenschein nehmen. Meine zahllosen Fotos sind zwar als Appetizer geeignet, aber gegen richtigen Hunger eher machtlos.
Der Hausherr kam, sah und hieß gut. Unfassbar eigentlich, wie in fünf Tagen ein ganzes Haus entstanden ist. Viele unserer Ideen – wie z.B. das Riesenfenster im Luftraum – wirken nun genauso überzeugend wie gedacht. Im Ess- und Wohnbereich ist es dadurch wirklich herrlich hell. Die Frage, wie (und vor allem von wem) das Monster hinterher geputzt werden soll, ließen wir erstmal locker im Raum stehen. Das wird sich schon finden. Hoffe ich jedenfalls.


Die Dachdecker haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Davon konnten wir uns nach dem Erklettern des Gerüsts überzeugen. Eigentlich ist alles, was sich mehr als einen Meter über dem Boden abspielt, so gar nicht mein Ding, aber diese Chance wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen. Schnell mit Schweißhändchen ein paar Fotos vom Dach gemacht und dann nix wie runter! Sogar das hoffentlich demnächst begrünte „Würfel“-Dach ist bereits „eingesät“.


Wieder zurück zu Hause wurden gleich nochmal Kataloge gewälzt, um die Fliesenfrage endgültig zu klären. Da haben wir inzwischen auch eine schöne und bezahlbare Lösung gefunden – sowohl für das kleine Bad im Erdgeschoss als auch für das Badewannen-Bad oben. Ich werde nachher ein paar Zeichnungen anfertigen, damit man sich das ganze besser vorstellen kann. Die Internet-Badplaner haben sich als nur begrenzt tauglich erwiesen.
Als Belohnung genehmigten wir uns anschließend einen Spaziergang zum Weihnachtsmarkt inkl. Glühwein, Reibekuchen und kandierter Kürbiskerne. Der strahlend blaue Himmel über der Riesen-Erzgebirgs-Pyramide schien dabei mehr nach tropischen Cocktails, Kokosnuss und gutgebauten, halbnackten nubischen Sklaven mit Palmwedeln zu verlangen. Aber die hätten eh nur gefroren.