
Das brandneue Jahr ist bereits durchgestartet. Wie immer habe ich den Jahreswechsel verschlafen. Und hier arbeiten wir erstmal die Reste des alten Jahres auf – den Kanarenurlaub über Weihnachten. Relativ kurzfristig fiel die Entscheidung, die uns über die Feiertage nach Lanzarote verschlagen hat. Zu verlockend lagen die freien Tage an Weihnachten diesmal. Zwei Tage Urlaub, die ich eh noch übrig hatte, und die neun arbeitsfreie Tage versprachen, plus ein kurzer, heftiger Kampf gegen das schlechte Gewissen – und schon hatten wir gebucht. Zum ersten Mal seit 29 Jahren bin ich nicht von Mitte Dezember bis Mitte Januar an jedem einzelnen Arbeitstag am Rechner. Ich hoffte, es ginge auch so. Und es ging auch so.
Auf den Kanaren waren wir 2019 bereits einmal. Damals auf La Palma. Ebenfalls zu einer Zeit, zu der es in Deutschland eklig kalt war. Und auch wenn es nur ein paar Tage waren, tat es unglaublich gut. Lanzarote ist allerdings landschaftlich so völlig anders als La Palma, dass man glauben könnte, die beiden Inseln gehörten nicht zum gleichen Archipel.
Costa Teguise: Leihwagen, Hotel-CheckIn & Essenssuche
Der Flug ging mittags ab Frankfurt und sollte viereinhalb Stunden später in Arrecife landen. Wir flogen mit einer halben Stunde Verspätung ab, brauchten dafür aber nur vier Stunden. Und wir hatten morgens noch schnell die vierte Kerze an unserem aufgrund einer seltsamen Verquickung von Umständen sehr freestyle gestalteten Adventskranz angezündet.
Ich sag’s gleich: Wir saßen im TUI-Flieger. Zum ersten Mal in unser beider Leben. Das Angebot war kurzfristig und günstig gewesen. Das Hotel war ein Apartment-Hotel mit kleiner Küche in der wirklich netten Wohnung.
Während des Hinflugs litten wir. Wir saßen beide am Gang – um eine Reihe versetzt auf beiden Seiten des Gangs – und es war sehr, sehr eng. Und sehr laut war es auch. Besonders dank eines italienischen Kindes zwei Reihen hinter mir. Seine Eltern schien das als einzige Menschen im Flieger nicht zu stören. Stoisch bearbeiteten sie ihre Handies, während neben ihnen ihr Nachwuchs die Pforten der Hölle öffnete. Nerviger als das Kind war nur die Sitznachbarin des Gatten, die sich den kompletten Flug darüber echauffierte, dass das Kind sich benahm, wie es sich benahm. Waaaah!
Bei der Autovermietung erhielten wir ein kostenloses Upgrade, weil „unser“ eigentliches Auto zu lange brauchte. Und es gab zudem obendrauf noch einen sehr prächtigen Regenbogen bei der Ausfahrt. Und dann fuhren wir – Lanzarote hat übrigens ausgezeichnete Straßen und eine sehr durchdachte Verkehrsführung und Beschilderung! – zu unserer Unterkunft, packten die Koffer aus, besorgten Lebensnotwendiges im benachbarten HiperDino Express und liefen schließlich los, um uns noch etwas zu essen zu organisieren.
Und wir fanden nach längerem Marsch über die Fressmeile von Costa Teguise, die hauptsächlich auf die Bedürfnisse britischer Pauschaltouristen ausgerichtet zu sein schien, dann das El Bocadito. Es wirkte vertrauenswürdig. Es saßen Einheimische an den Tischen. Wir ließen uns nieder und bestellten uns La Tortilla de Marta und Croquetas de diferentes Creaciones, die uns sehr glücklich machten. Anschließend gab es Albóndigas de Tenera für den Gatten und Arroz negro con Taco de Bacalau. Direkt nach dem Genuss des Arroz negro sah ich aus wie ein Chow Chow, zumindest wenn man meine Zunge betrachtete. Ich spülte sie hingebungsvoll mit Weißwein. Insgesamt ein solider Start in den Urlaub.
Salinen, Krippen & Sonnenuntergänge
Andere TUI-Reisende haben wir praktisch nur beim Frühstück gesehen. Da wir aber wahnsinnig früh frühstückten, weil der Gatte ja pünktlich bei seiner Tauchbasis „auftauchen“ musste, trafen wir im Prinzip auch immer nur das eine ältere, etwas seltsame deutsche Ehepaar, das offensichtlich wild entschlossen war, aus dem investierten Geld möglichst viele Kalorien herauszuholen. Bei uns sah das vermutlich mehr nach perfekt getaktetem Prozessmanagement aus: Kaffee, er ein Brötchen, sie Brot mit Ei, nochmals Kaffee, er was Süßes, sie manchmal was Süßes, fertisch! Anschließend flitzte der Gatte auf den letzten Drücker zur Tauchbasis, während ich mich entspannt mit Fotobearbeitung und Lesen beschäftigte.
Den Nachmittag des ersten vollen Urlaubstags – es war der 22. Dezember – verbrachten wir mit einer Orientierungsfahrt über die Insel. Dem Gatten war Yaiza empfohlen worden. Es sollte um diese Zeit auch die hübscheste Krippe der Insel haben. Das wollten wir sehen. Vorher machten wir noch einen Zwischenstopp bei den Salinas de Janubio. Wikipedia-Zitat: „Etwa ein Fünftel der gesamten Anlage wird noch heute zur Salzgewinnung genutzt, und zwar weiterhin als nicht subventionierter Familienbetrieb. Etwa zehn Salzbauern gewinnen derzeit rund 2.000 Tonnen Meersalz pro Jahr, welches teilweise noch zur Fischkonservierung genutzt wird, aber auch als Chlorersatz in Schwimmbädern Verwendung findet oder als Speisesalz auf dem lokalen Markt verkauft wird.“ Natürlich musste ich das Salz kaufen. War ja klar.
Die „Krippe“ war auf einer freien Fläche in der Nähe der Kirche aufgebaut und wirklich großartig. Der gesamte Ort einschließlich Salinen war in hingebungsvoller Handarbeit zusammengebastelt und liebevoll dekoriert worden. Wir fanden es auch toll, dass wir uns Ende Dezember an einem Ort befanden, an dem Weihnachtssterne einfach so draußen stehen konnten und nicht erfroren, nur weil man sie ungeschützt aus dem Supermarkt zum Auto getragen hatte.
Für den Sonnenuntergang machten wir noch einen Abstecher nach El Golfo und es lohnte sich, obwohl es an der Küste sehr windig war. Von meinem Friseurbesuch am Tag vor dem Abflug blieb nichts übrig.

Anschließend ging’s zurück nach Costa Teguise. Und anschließend zum Essen nochmal ins El Bocadito. Das hatte einen ganz einfachen Grund: Man hatte am Vorabend Chaos in die Getränkebestellung gebracht und wir hatten mehr gezahlt als getrunken. Wir verblieben, dass das o.k. sei. Man könne es beim nächsten Besuch verrechnen. Und das funktionierte tatsächlich.
Abgesehen von den Getränken hatten wir vorab Papas arrugadas mit Mojo verde und Mojo rojo und vier Croquetas. Gefolgt von Pulpo en Costra de Allioli und Bacalao al Allioli gratinado. Alles wirklich grundsolide und sehr köstlich.
Zum Nachtisch ging gar noch ein Bienmesabe mit Vanilleeis. Wörtlich übersetzt heißt das „Es schmeckt mir gut“ – und das tat es auch. Auf La Palma hatten wir es vor Jahren nirgendwo bekommen, auch wenn es überall auf der Karte stand. Lanzarote.com sagt dazu: „Bienmesabe ist ein typisches Dessert der kanarischen Gastronomie, aber sein Ursprung ist arabisch. Es kam zur Zeit der Eroberung des Archipels auf die Insel und man nimmt an, dass es von einer der Gebäcktraditionen im Süden der Iberischen Halbinsel übernommen wurde. Obwohl Bienmesabe auf den gesamten Kanarischen Inseln zubereitet wird – mit unterschiedlichen Versionen in jeder Küche -, hat es auf La Palma die größte Tradition. Die örtliche Konditorin Matilde Arroyo (1926-2014) wurde 2009 mit der Goldmedaille der Kanarischen Inseln ausgezeichnet, weil sie eine Pionierin bei der Vermarktung dieser reichhaltigen Süßspeise außerhalb der Inseln war.“ Der Bienmesabe widmen wir uns aber demnächst nochmal. Versprochen!
Unser Rückweg zum Hotel führte am SeBE vorbei, das wir für ein Essen bereits in Deutschland ins Auge gefasst hatten. Wir erkundigten uns nach einem freien Tisch, erhielten einen QR-Code für die Reservierung und schafften es anschließend, für den letzten Abend einen Tisch für zwei zu ergattern. Lief für uns – zumal wir parallel auch noch per Mail die Nachricht erhielten, dass mein neues Auto endlich im Autohaus eingetroffen sei.
Erste Begegnung mit César Manrique
Am nächsten Tag war bereits der 23. Dezember. Wir starteten zeitig nach der Rückkehr des Gatten Richtung Jardín de Cactus durch, wo uns zum erstenmal bewusst das Werk César Manriques begnete. Wer mehr über diesen großartigen Künstler erfahren will, kann hier einen ersten Eindruck gewinnen: CACT – Centros de Arte, Cultura y Turismo. Wir kamen am Kaktusgarten an und waren gleich hin und weg.
Oberhalb des Gartens gab es eine alte, restaurierte Gofio-Mühle. Der Garten war stufenweise unterhalb der Mühle angeordnet. Das war alles so schön und rund und stimmig. Man kam aus dem Bewundern nur kurz heraus, wenn chinesische Touristen stundenlang im Selfiemodus die Motive blockierten. Ein Traum. Wirklich. Wir waren begeistert – und beschlossen, noch einen Besuch bei den Jameos del Agua dranzuhängen, die ebenfalls von Manrique gestaltet worden waren. Und wir wurden nicht enttäuscht.
Nie zuvor habe ich ein solch faszinierendes Zusammenspiel von Kunst und Natur gesehen. Jeder Schritt in eine andere Richtung öffnete eine neue Perspektive. Die Höhle mit dem Durchgang und den kleinen, weißen, blinden Krebsen, aus der heraus man in die Sonne und eine völlig andere Welt tritt. Selbst im Abendlicht wirkte das von Manrique zwischen den Höhlen angelegte Becken wie eine wunderschöne Oase. Und die Kunst wirkt nie künstlich. Das muss man erstmal schaffen.
Mit diesen wunderschönen Bildern im Kopf saßen wir nach unserer Rückkehr an einem Tisch in der Taberna del Mar direkt neben dem Hotel. Wir saßen draußen schauten aufs Meer, tranken einen ausgezeichneten Wein von Lanzarote und hatten einen äußerst angenehmen Abend. Der Service war ein Traum, das Essen ausgezeichnet. Wir nahmen Ziegenkäse und Schinken als Starters und teilten uns eine Zwei-Personen-Paella, die locker auch für vier Personen gereicht hätte, und die wir erwartungsgemäß auch nicht schafften.
Heiligabend – unter Palmen und Kakteen
Und so wurde es dann irgendwann Heiligabend. Nach langen Überlegungen zum Essen, die von Rosenkohl-im-Koffer-mitnehmen bis zu Vergiss-die-verdammte-Tradition gingen, hatten wir entschieden, unser Heiligabendessen zu improvisieren. Wir gingen also sehr entspannt einkaufen.
Und wir mussten am Ende gar nicht extrem improvisieren, auch wenn wir natürlich keinen Rosenkohl bekamen. Wir entschieden einfach, dass zukünftig „die Tradition“ darin bestehen würde, das traditionelle Essen möglichst an die Gegebenheiten des jeweiligen Aufenthaltsortes anzupassen. Wir tauschten Rosenkohl gegen Pimientos de Padrón. Den Rest – Wiener, Kartoffeln, Zwiebeln und die Zutaten für die Senfsauce – konnten wir problemlos im HiperDino erwerben. Essen? Check!
Da wir in diesem Jahr ohnehin keinen Champagner geschenkt bekommen hatten (Wieso eigentlich nicht?!), den wir hätten mitnehmen können, fuhren wir mittags noch los, um etwas Würdiges zu besorgen. Unterwegs machten wir eine kurzen Zwischenstopp am Monumento a la Fertilidad bzw. Monumento al Campesino. Ebenfalls ein Werk César Manriques – hergestellt aus alten Wassertanks, Eisen und Beton. Wir liefen kurz über das Gelände der Casa Museo del Campesino. Es regnete nahezu ununterbrochen, sodass wir irgendwann beschlossen, bei besserem Wetter zurückzukehren. Schließlich stand noch die Getränkebeschaffung aus. First things first.
Wir landeten anschließend per Zufall bei den Bodegas El Grifo und schafften es, zehn Minuten vor Schließung eine Speed-Beratung mit der sehr netten Angestellten durchzuziehen und mit zwei ausgezeichneten Flaschen Weißweins vom Hof zu ziehen. Getränke? Check!
Am Ende kochte ich etwa zwei Stunden lang. Das lag nicht am anspruchsvollen Gericht, sondern an der Tatsache, dass wir nur zwei – immerhin aber Induktion! – Herdplatten hatten. Und zwei Töpfe und eine winzige Pfanne. Man ahnt es bereits: Bratkartoffeln für zwei Personen in einer winzigen Pfanne?! Ich briet sie in drei Schichten an. Anschließend die Zwiebeln. Dann noch die Pimientos de Padrón. Das dauert dann halt. Die Herstellung der Sauce und das Erwärmen der Würstchen war dagegen ein Witz. Aber ich schaffte es schließlich. Und es war nicht mal schlecht. Der Wein war hervorragend. Als Dessert gab es Turrón. Perfekt. Heiligabend? Check!
Postre? Polvito Uruguayo Canario aka Polvito!
Hätte ich die Möglichkeiten gehabt, wäre das folgende das perfekte Dessert für Heiligabend gewesen. Wir probierten es ein paar Tage später und ich tippte es als Merker in mein Handy. Nach unserer Rückkehr bastelte ich es an Neujahr nach. Und aufgrund einer Anpassung der Zutaten fanden wir es noch besser. Davon darf natürlich kein Kanario jemals erfahren. Das muss unter uns bleiben. Psssst!
Zutaten
- 1 Dose gezuckerte Kondensmilch 397 g bzw. 310 ml
- 200 g Karamellplätzchen Biscoff oder ähnliche
- 60 g Butter erhitzt und flüssig
- etwas Milch
- 400 ml Sahne
- Baiser von einem Eiweiß mit etwas Zitronensaft und Puderzucker aufgeschlagen, aufs Blech gespritzt und bei 100°C Umluft trocken gebacken – oder fertig gekauft
Anleitung
- Aus der Dosenmilch Karamell herstellen. Dazu die Dose (vorher Etikett abziehen!) etwa zwei Stunden geschlossen in einem Kochtopf sanft köcheln und anschließend geschlossen abkühlen lassen. Öffnen und in einen Spritzbeutel füllen.
- Die Kekse fein mahlen (Polvito = Pülverchen). Anschließend mit der Butter und eventuell mit etwas MIlch mischen. Je nach Konsistenz. Es sollte keine kompakte Masse entstehen – eher ein feuchter Sand. Schwierig zu formulieren… Kekspulver halbieren.
- Sahne aufschlagen und ebenfalls in einen Spritzbeutel füllen.
- Sechs Gläser bereitstellen und eine Hälfte der Kekse auf die Gläser verteilen. Etwas Karamell / Dulce de leche darauf verteilen, Hälfte der Sahne auf die Gläser verteilen.
- Nochmals gleich verfahren, sodass alles auf die sechs Gläschen verteilt ist. Zuletzt Baiser darüber bröseln. ¡Buen provecho!

Wir haben die sechs Gläschen über drei Tage verteilt. Im Kühlschrank hielten sie sich ausgezeichnet und wurden eher besser beim Durchziehen. Im Original gehören da „Galletas Maria“ rein, eine Art Butterkekse, wenn ich alles richtig deute. Ich hatte noch Biscoffs – und keine Angst, sie zu benutzen. Und sie passten hervorragend.
Heute wird gleich wieder Polvito hergestellt. Morgen geht eine Ladung mit ins Büro. Ich muss mich vom aktuellen politischen Tagesgeschehen ablenken…



































































