Den Faden verloren?

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Natürlich nicht. Ich komme jetzt lediglich kurz einem mir von mir selbst übertragenen Bildungsauftrag nach und schweife beim Thema Naxos etwas ab. In die Antike nämlich.

Naxos ist die Insel der Ariadne. Wenn mal mal großzügig über alle Ungereimtheiten und wissenschaftlichen Thesen hinwegsieht, kann man die Geschichte stark vereinfacht etwa so zusammenfassen: Ariadne ist die Tochter von König Minos (und die Halbschwester des Minotaurus) und lebt auf Kreta. Theseus, ein Königssohn aus Athen, schmuggelt sich unter die Opfer für den Minotaurus, um diesen zu besiegen. Auf Kreta verliebt er sich in Ariadne.

Ariadne erwidert seine Gefühle, hilft ihm, den Minotaurus zu töten, und rettet ihn mittels eines Fadens aus dem Labyrinth. Bis hierher ist alles super. Die beiden wollen nach Athen und machen einen Zwischenstopp auf Naxos.

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Dort lässt Theseus Ariadne schlafend zurück und setzt seine Reise allein fort. Für den Rest ihrer beider Leben betrauern sie den Verlust – allerdings tröstet sich Ariadne innerhalb kürzester Zeit mit Dyonisos, heiratet ihn und gebiert ihm mehrere Söhne. Unter anderem Oenopion, von dem sich das Wort Önologie ableitet. Theseus ist sogar derartig unglücklich (Warum fährt er denn dann weg?!), dass er versehentlich durch das Aufziehen einer falschen Flagge am Schiff seinen Vater in den Tod treibt. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Alles seltsam, aber so steht es geschrieben. Weshalb ich das erwähne? Wir reisten per Fähre von Andros weiter nach Naxos. Und auf Naxos kommt man um Ariadne praktisch nicht herum. Sie ist uns im Verlauf unserer Tage dort praktisch an jeder Ecke begegnet – und wenn es nur auf Weinflaschen war.

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Das nur zur Erklärung vorab. Wie einstmals Theseus trafen wir also per Schiff auf Naxos ein. Freundlicherweise fuhr der Gatte nicht gleich weiter und ließ mich schlafend im Hafen zurück, sondern blieb getreu an meiner Seite. Und das, obwohl meine Füße etwas seltsam aussahen. Barfuß trug ich praktisch weiße Flipflops, da ich mir auf dem Oberdeck der „Andros“ und nach Umstieg in Mykonos auch auf dem der „Ekaterini P.“ die Füße verbrannt hatte. In schwarzen Flipflops. Grmpf.

Füße hin, Füße her. Wir schlurften in Naxos Chora vom Anleger Richtung Tourimeile, bestaunten zum Trocknen aufgehängte Oktopoden, besorgten Wasser und suchten die Autovermietung, um unser neues Gefährt entgegen zu nehmen.

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Als wir schließlich den Panda (!) in Besitz genommen hatten, ging es Richtung Pirgaki, wo wir unsere Unterkunft bezogen. Im Haus gab es ein Restaurant, das in Kritiken ganz ordentlich weg kam. War für den Abend einen Versuch wert.

Vorher jedoch schnappten wir uns unsere Badesachen und marschierten Richtung Strand. Der lag nämlich direkt vorm Haus einfach so rum. Perfekt. Ein ausgesprochen hübscher Strand mit feinem Sand. Blöderweise war es jedoch an diesem Tag derartig windig, dass wir irgendwann die Strandsache wieder abbrechen mussten, weil ich Sand im Auge hatte und nun zusätzlich zu meinen verbrannten Füßen auch noch halb blind war.

Kein Wunder, dass Theseus die Schnauze voll gehabt hatte und sich unbemerkt vom Acker machen konnte, während Ariadne noch darauf konzentriert war, ein Sandkorn aus ihrem verquollenen Auge zu reiben…

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Der Wind ließ in den folgenden Tagen leicht nach. Das war dann aber auch egal, da wir irgendwann rafften, dass man sich besser am Rand in die Dünen packt, wenn man nicht ständig unter katastrophalen hygienischen Bedingungen operative Eingriffe am offenen Auge vornehmen möchte.

Bis zum Abendessen war ich wieder im Vollbesitz meiner Sehkraft, und wir begaben uns auf die Terrasse des Restaurants, um mal einen Blick in die Karte zu werfen. Vor allem die Vorspeisen klangen ausgesprochen lecker. Wir starteten mit Filo-Säckchen mit Ziegenkäse und Honig…

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… und mit Käsekroketten mit Tapenade:

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Und das war oberlecker. Wir waren überrascht. Das Restaurant war eigentlich für solide, traditionell-griechische Küche bekannt, aber das hier war deutlich mehr als wir erwartet hatten. Geschmacklich. Nicht quantitativ. Der Gatte beschloss, einen zweiten Mousaka-Versuch zu riskieren. Ich legte mit einer gefüllten Aubergine nach. Überraschung! Die Mousaka und die Aubergine waren ebenfalls ausgesprochen gut. Wie genial! Und wie praktisch! Drei Schritte bis zu wirklich gutem Essen. Ab dem nächsten Tag begann ich, den Koch jedesmal besonders freundlich zu grüßen, wenn ich die Treppe zum Zimmer hoch- oder runterging.

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Wie sich herausstellte, stammten die Zutaten fast ausschließlich von der kleinen Farm, die den Besitzern des Gästehauses und des Restaurants gehörte, und die sich direkt hinter dem Haus ans Grundstück anschloss. Genauso schmeckte das auch.

Am nächsten Morgen erwachten wir etwas zeitiger als erwartet. Ein kleiner Hund bellte sich seit Stunden die Seele aus dem Leib. Man weiß nicht, warum. Erfahrungsgemäß brauchen kleine Hunde ja oft auch keinen besonderen Anlass dazu. Jedenfalls begann der Tag dadurch recht zeitig. Wir speisten zum Frühstück Hasenbrotreste von Andros mit durch die Hitze auf der Fähre verklebten Käseresten. Insgesamt war das aber dem Eurowingsbrot immer noch deutlich vorzuziehen. Die Kaffeeherstellung mit der kleinen Kanne auf der winzigen Herdplatte funktionierte auch hier ausgezeichnet.

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Das auf dem Foto ist übrigens keine antike, sondern eine aktuelle Bauruine. Davon gibt es auf Naxos reichlich. Interessante Bauweise übrigens. Wir kamen daran vorbei, als wir zum Demeter-Tempel fuhren. Der ist etwas älter – nämlich aus dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. – und sieht trotzdem deutlich besser aus.

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Das dazugehörige Museum war seltsamerweise (zu diesem Zeitpunkt fanden wir das noch seltsam…) geschlossen. Schade. Sah von außen recht vielversprechend aus.

Unterwegs schauten wir uns noch die kleine Kirche von Agios Nicolaos an, die malerisch zwischen Oliven- und Feigenbäumen stand. Leider auch verrammelt und verriegelt.

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Bevor wir uns auf den Weg zu meinem kurzfristigen Lieblingsort Filóti machten, hielten wir noch kurz bei einer Töpferei an der Straße. An diesem Anblick vorbeizufahren, wäre eine Schande gewesen. Dem Gatten graute angesichts der Möglichkeit, dass ich unserem Haushalt weitere Teller, Schüsseln oder Schüsselchen hinzufügen könnte.

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Es kam, wie es kommen musste – ich erwarb eine winzige Schüssel. Wirklich winzig. Würde überhaupt nicht auffallen im Koffer. Praktisch null Gewicht… Und dieses ausgesprochen hübsche Türkis… Blabla… Sie wanderte in meinen Rucksack, nachdem ich bei dem jungen Töpfer bezahlt hatte, der angesichts seiner im Hintergrund lauerndenund ausgesprochen dominanten Mutter offensichtlich nicht viel zu lachen hatte.

Eigentlich wollten wir uns im Anschluss die beiden laut Reiseführer extrem pittoresken Dörfer Damalás und Damariónas anschauen. Ich saß auf dem Beifahrersitz und bereitete mich vor, als ich auf folgende Sätze stieß: „Direkt am Ortseingang [von Damalás] liegt eine große Töpferei. Wer will, kann sich hier umsehen und hübsche Tonwaren erwerben.“ Trallalalaaa…

Da jedoch bei unserer Ankunft exakt diese Töpferei – und damit die Zufahrt zum einzigen Parkplatz des Ortes – von einem Reisebus blockiert war, beschlossen wir erst einmal in Filóti ein paar Einkäufe zu tätigen und etwas zu trinken.

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Das erwies sich als ausgezeichnete Idee. Keine Ahnung, wie so etwas sein kann, aber dieser Ort wird komplett von freundlichen Menschen mit sonnigem Gemüt bewohnt. Nicht, dass bislang irgendwer unfreundlich zu uns gewesen wäre, aber das hier war schon auffällig.

O.k. – vielleicht war doch einer ein wenig unfreundlich gewesen. Auf Andros hatte ich ein „Gespräch“ mit einem älteren Mann, der mich zuerst ganz freundlich fragte „Where do you come from?“ Als ich antwortete „From Germany“, nuschelte er etwas und drehte sich abrupt um. Mmmmhhh… Egal. Vielleicht habe ich mir das auch eingebildet.

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Zurück nach Filóti. Wir enterten kurzerhand ein Restaurant und fragten, ob wir auch nur etwas trinken könnten. Klar. Kein Problem. Wir bestellten das Übliche: ein Bier, einen Weißwein und eine 1,5 l Flasche Wasser, als uns die Bedienung, die dann auch noch versuchte, Deutsch mit uns zu sprechen, das leckere Pitabrot mit Tzaziki auf den Tisch stellte. Und so ging das im ganzen Ort. Jeder nett, jeder freundlich. Und keiner wählt AfD.

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Um es etwas abzukürzen: Wir fuhren anschließend zu den beiden wunderhübschen Dörfern, wanderten darin herum. Schlendern kann man das nicht nennen, da es nahezu permanent steil bergauf oder bergab geht. Und, was soll ich sagen… Ich schaute dann nochmal kurz bei der Töpferei vorbei und fand zwei wunderbare Teller im passenden Blau zu meinem Schüsselchen. Was für ein erfolgreicher Tag! Der Gatte rechnete währenddessen wohl den zu erwartenden Übergepäckzuschlag aus. Jedenfalls fand er meine Käufe nur halb so toll wie ich. Seltsam…

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Über Moní, wo wir uns noch das Kirchlein Panagia Drosiani anschauten, ging es anschließend weiter nach Koronos. Dort stand eine von diesem extrem fotogenen weißen Kirchen mit blauer Kuppel, die man immer auf Postkarten sieht. Es dauerte eine Weile, bis ich mein Entzücken unter Kontrolle hatte, und aufhörte, ein Foto nach dem anderen davon zu machen.

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Wir konnten dann irgendwann auch weiterfahren nach Apóllonas, um uns einen legendären Koúros anzuschauen, der eigentlich keiner war, weil er nicht nackt war. Sagt der Reiseführer. Jedenfalls lag da ein elf Meter langer, 3000 Jahre alter Jüngling aus Stein. Flach auf dem Rücken. Wahrscheinlich stellt er Dionysos dar. Man weiß es nicht so genau.

Das Ding war anscheinend nie vollendet worden, weil der Stein sich als zu brüchig erwiesen hatte. So hatte man ihn dann wohl halbfertig am Hang liegen lassen. Es dauerte ziemlich lange, bis ich ein Foto von ihm machen konnte, auf dem außer ihm niemand zu sehen ist. Die Insassen zweier Reisebusse turnten stundenlang darauf herum, legten sich daneben, setzten sich drauf, machten Tausende von Selfies und wahnsinnig originellen Handyfotos usw. usf.

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Außer diesem gibt es noch zwei weitere, jüngere Kolosse auf Naxos. Die würden wir uns auch noch ansehen. Wenn man schon mal da ist…

Abends kamen wir hungrig auf unserem Zimmer an. Diesmal gingen wir etwas früher essen, da wir am vorherigen Abend gegen Ende von einem Schwarm Stechmücken überfallen worden waren, die uns übel zugerichtet hatten. Wir würden sie austricksen. Wenn sie kämen, wären wir schon weg.

Und wieder waren die Vorspeisen der Hammer. Der Gatte nahm Saganaki, ich einen Ziegenkäse in Sesamhülle mit Balsamico & Honig. Boah, war der lecker! Ich googlete anschließend auf dem Zimmer danach. Und wurde fündig. Dazu später mehr.

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Am nächsten Tag schauten wir uns die beliebteren Strände an der Westküste an. Deutlich voller hier als „bei uns“. Plaka Beach und Agios Procopio Beach ähneln doch sehr dem üblichen Sardinendosenklischée. Keine Ahnung, was einen dazu bringt, da den ganzen Tag herumzuliegen. Aber egal. Jeder, wie er mag.

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Etwas abseits fand ich noch eine leere Stelle für ein paar Fotos. Die Strände an sich sind wirklich sehr schön.

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Wir liefen durch die Ortschaften und der Gatte vereinbarte mit der örtlichen Tauchbasis zwei Tauchgänge für den letzten Tag auf Naxos.

Anschließend ging es nach Naxos Chora. Wir liefen bis zum Verdursten durch die Stadt, tranken irgendwo etwas im Schatten, liefen weiter, schauten uns die Altstadt an. Staunten über die massenhaft herumliegenden Oleanderzweige von einer Prozession, die wohl gerade erst stattgefunden haben musste. Die katholische (!) Kathedrale war noch mit Fähnchen geschmückt.

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Was wir echt sonst nirgendwo gesehen haben: In der gesamten Stadt hängt immer mal wieder da und dort ein Oktopus an der Wäschleine. Vielleicht sollte ich auch mal einen besorgen und aufhängen. Würde den Nachbarn bestimmt gut gefallen.

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Den Rest des Tages verbrachten wir an unserem – angenehm ruhigen, nämlich nahezu leeren – Strand. Herrlich. Zum Abendessen gab es dann Gemüsebällchen mit Tzaziki, Calamari und Keftedes in einer Tomatensoße, die den Gatten dazu brachte, nach der „geheimen Zutat“ zu fragen. Der Koch kam vorbei und verriet das Rezept. Kreuzkümmel war der besondere Kick. Wird auf alle Fälle nachgekocht, das Gericht mit dem Namen Soutzoukakia – falls ich mir das korrekt notiert habe.

Mit einem weiteren Kirchenfoto aus Naxos Chora beende ich den Naxos-Bericht jetzt mal für heute. Wird dann halt ein Zweiteiler. Morgen wird der (Ariadne-)Faden wieder aufgenommen. Diese Fotobearbeitung und -sortierung wird noch dafür sorgen, dass ich an meinem ersten Arbeitstag wieder absolut urlaubsreif sein werde. Ach, egal! Ich trinke jetzt erstmal mit Dionysos noch einen schönen kalten Wein.

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4 Kommentare

  1. Die Angst des Gatten vor den Schüsseln…das kenne ich von Flohmärkten, wo mich der Engländer nervös weiterleitet. Dein Griechenland sieht traumhaft aus, und deine Esserfahrungen auch. Ich war einmal in Kos und Kalymnos und erinnere mich nur an endlose Variationen von Greek Salad und rohe Polypen…yuk

    1. man muss halt immer ein bißchen suchen, um das richtige essen zu finden, aber tripadvisor vereinfacht das doch sehr. man muss halt nur einschätzen, wer die bewertung geschrieben hat. manchmal schreckt eine gute bewertung auch eher ab 😀

  2. Der alte Grieche aus Andros war wahrscheinlich nicht unhöflich – er hat vielleicht einfach als Kind miterlebt wie die deutsche Wehrmacht ab dem September 1943 auf der Insel ‚gewirkt‘ hat. Das haben diese alten Menschen nicht wirklich vergessen…ich habe ihnen oft zugehört, wenn sie diese Geschichten nach langem Sich-kennenlernen und noch längerem Beobachten dann doch noch hervorgekramt haben.
    Also: Nicht persönlich nehmen!

    1. ich habe das auch nicht als unhöflichkeit verstanden. und welche gründe auch immer er hatte – es waren bestimmt gute gründe. mich hat es ehrlich gesagt eher gewundert, dass wir insgesamt nicht deutlich unfreundlicher aufgenommen wurden – sowohl aufgrund der jüngeren, als auch der älteren politischen vergangenheit.

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